Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Eros und Thanatos fallen hier mustergültig zusammen. Arthur Schnitzler erzählt in seiner Traumnovelle von der Macht des Begehrens und einem fast somnambulen Erlebnis, das dem Arzt Fridolin zuteilwird. Auch hundert Jahre nach ihrem Erscheinen schimmert diese Novelle noch nachtschwarz und höchst modern…


Wenn in einer Stadt im 20. Jahrhundert an der Moderne gearbeitet wurde, dann war das fraglos Wien.
Neben Berlin bildete die Großstadt an der Wien den zentralen Kulminationspunkt, in dem verschiedenste Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler um 1900 zusammenfanden und mit ihren Theorien und Werken über alle Disziplinen hinweg sprichwörtlich eine neue Epoche begründeten.

Ernst Mach und Erwin Schrödinger auf dem Feld der Naturwissenschaften, Adolf Loos in der Architektur, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder Richard Gerstl in der Malerei, Edmund Husserl und Ludwig Wittgenstein auf dem Feld der Philosophie, Friedrich von Hayek oder Joseph Schumpeter in Sachen Ökonomie oder Viktor Adler und Sigmund Freud auf dem Feld der Psychoanalyse, sie alle sorgten mit ihren Theorien und radikal neuen Schulen in Sachen Kunst und Denken für eine Weiterentwicklung der Kunst und Wissenschaft auf unzählig vielen Feldern.

Die Wiener Moderne um 1900

Arthur Schnitzler - Traumnovelle (Cover)

Auch die Literatur blieb von diesen Entwicklungen nicht ausgenommen. Das Genre der Kaffeehausliteratur etablierte sich, Figuren wie Friedrich Torberg prägten diese neue Gattung, während Autoren wie Robert Musil oder Georg Trakl mit ihrer Dichtung neue, zuvor nicht gekanntes ästhetisches Terrain betraten und sich mit ihrer Dichtung von etablierten Erzählformen und Genres lossagten.

Auch Arthur Schnitzler zählte zu jenen Autor*innen, die sich mit ihrem Erzählen auf neue Wege begaben.
Als Mitglied des engstens Kreises des sogenannten Jung-Wien hatte er entscheidenden Anteil, mit seinem Werk jenen Epochenbruch nachzuzeichnen, bei dem man sich verstärkt dem ästhetischen Erleben und den Innenwelt zuwandte.

Während die Väter noch nach den Regeln des alten Großbürgertums lebten, so suchten deren Söhne nach einer neuen, „modernen“ Lebensweise, die sie im eigenen Inneren fanden. Mit den Äußerlichkeiten des liberalen Bürgertums wollte man nichts mehr zu tun haben und folgte damit dem alten Leitsatz von Augustinus, dass man in sich selbst zurückkehren sollte.
Dieser Blick nach innen, entscheidend beeinflusst auch von den psychoanalytischen Erkenntnissen der Wiener Schule um Sigmund Freud und dessen Traumdeutung, übte besonders auf Arthur Schnitzler eine große Faszination aus.

Nächtliche Geständnisse und Beichten

Besonders augenfällig ist dies in seiner Traumnovelle, die vor genau hundert Jahren als Buchveröffentlichung das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Darin lässt er schon zu Beginn Fridolin und Albertine gegenseitig in ihr Innerstes blicken, sich eines Abends gegenseitig ihre Sehnsüchte und Begehren offenbaren.

„Albertine – so gibt es etwas, was du mir verschwiegen hast?“
Sie nickte und blickte mit einem sonderbaren Lächeln vor sich hin.
Unfassbare, unsinnige Zweifel wachten in ihm auf.
„Ich verstehe nicht recht“, sagte er. „Du warst kaum siebzehn, als wir uns verlobten.“
„Sechzehn vorbei, ja, Fridolin. Und doch“ – sie sah ihm hell in die Augen – „lag es nicht an mir, dass ich noch jungfräulich deine Gattin wurde.“
„Albertine –!“
Und sie erzählte.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 13

Dieser Blick in die tiefsten seelischen Verfasstheiten und Fantasien als Bruch mit allen Regeln der Diskretion und des Schweigens wird von Schnitzler dann fortgeführt, indem er Fridolin erst einmal aus der Wohnung des jungen Paares in die Nacht hinausführt. Fridolin, der als Arzt praktiziert, wird an das Krankenbett eines Hofrats gerufen, wo er nur noch den Tod des Patienten feststellen kann und auf dessen Tochter Marianne trifft.

Vom Totenbett ins Bordell zu einer Privatfeier

Die junge Frau, die Fridolin seit Kindesbeinen kennt, löst bei ihm zunächst kein allzu großes Begehren aus, lässt ihn aber dennoch über den Besuch in der Wohnung des Toten nicht los, sodass er noch die nächtlichen Gassen Wiens durchstreift.

Er fand sich, mit einem Male, schon über sein Ziel hinaus in einer engen Gasse, durch die nur ein paar armselige Dirnen auf Männerfang umherstrichen. Gespenstisch, dachte er. Und auch die Studenten mit den blauen Kappen wurden ihm plötzlich gespenstisch in der Erinnerung, ebenso Marianne, ihr Verlobter, Onkel und Tante, die er such nun alle, Hand in Hand, um das Totenbett des alten Hofrats gereiht vorstellt; auch Albertine, die ihm nun im Geist als tief Schlafende, die Arme unter dem Nacken verschränkt, vorschwebte – sogar sein Kind, das jetzt zusammengerollt in dem schmalen weißen Messingbettchen lag, und das rotbäckige Fräulein mit dem Muttermal an der linken Schläfe –, sie alle waren ihm völlig ins Gespenstische entrückt. Und in dieser Empfindung, obzwar sie ihn ein wenig schaudern machte, war zugleich etwas Beruhigendes, das ihn von aller Verantwortung befreite, ja aus jeder menschlichen Beziehung zu lösen schien.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 27

So treibt Fridolin nun wie in einer Zwischenwelt jenseits von Zeit und Ort durch die Nacht. Er sucht erst eine Prostituierte und dann bezeichnenderweise ein Kaffeehaus „niederen Ranges“ auf, wo er auf einen alten Bekannten namens Nachtigall trifft.
Dieser erzählt ihm von einer geheimnisvollen Feier in einem Privathaus, wo er später in der Nacht als Pianist tätig sein wird. Zudem verrät er Fridolin passenderweise auch noch die Parole, die ihm Zutritt zu dieser exklusiven und höchst geheimnisvollen Feier verschaffen soll.

Tatsächlich sucht Fridolin diese Feier auf, bei der sich die rätselhaft-schwebende Atmosphäre der Nacht noch weiter fortsetzt.

Eros und Thanatos, Tod und Begehren

Ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen, wird am Ende der Nacht eine Todesnachricht stehen, die nur das herausragendste Beispiel dafür sein wird, wie eng Tod und Begehren, Eros und Thanatos in Schnitzlers Erzählung beieinanderliegen.

Manchmal mit leicht expressionistischen Anklängen, dann wieder luzid und fast somnambul wirkt die Stimmung, die die Traumnovelle durchzieht. Hier wird eine Seele und das Begehren erkundet, während sich Fridolin durch die Nacht treiben lässt, was auch hundert Jahre später nichts von seiner Faszination verloren hat.

Zeitlos und eben unerhört modern wirkt sein Erzählen, das der Salzburger Jung und Jung-Verlag zum hundertsten Geburtstag noch einmal in einer Neuauflage auf den Markt bringt.

Ein allzu sperriges Nachwort

An die Seite gestellt hat man Schnitzlers gut hundert Seiten langen Erzählung einen Aufsatz von W. G. Sebald, der in Das Schrecknis der Liebe einen eigenen Blick auf die Erzählung des Österreichers wirft.

Ursprünglich war dieser Essay im Februar 1985 in der geisteswissenschaftlichen Zeitschrift Merkur erschienen, nun hat er hier wieder einen Auftritt – und wirkt in seiner allzu akademischen und sperrigen Machart wie der Gegenentwurf zu Schnitzlers Erzählen, das doch durch seinen kunstfertigem und deutungsoffenem Charakter besticht.

Es finden sich darin jede Menge verquasteter Sätze wie der Folgende:

In der Episode von der Hofrathstochter aus der Schreyvogelgasse wird Hysterie von einem ähnlichen Standpunkt aus beschrieben wie in den Studien Freuds. Und doch hat Schnitzlers erzählerische Präsentation, aus der sich eine Reihe von Aufschlüssen ergibt über die hysterische Disposition einbeschriebene soziale Dynamik, den Freud’schen Analysen einiges voraus, nicht zuletzt einen höheren Grad an Empathie mit dem psychischen Zustand der von einer abstrakten Norm aus derangiert erscheinenden Frau. Das kann vor allem an den Idealbildern der Männlichkeit abgelesen werden, die Schnitzler als die Zufluchtspunkte weiblicher Sehnsucht in seine Frauenporträts wie zitatweise eingraviert.

W. G. Sebald – Das Schrecknis der Liebe in Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 121 f.

Nur um hier Missverständnissen vorzubeugen: ein akademischer Blick auf Arthur Schnitzlers Erzählen aus germanistischer oder philosophischer Sicht, der das Gelesene kontextualisiert oder weiterdenkt, ist mir nicht nur bei einem solchen Klassiker immer gerne willkommen.

Ein beflügelndes Weiterdenken der Traumnovelle ist Sebalds Text allerdings an keiner Stelle, vielmehr ist der Text, der es selbst auf ein Drittel von Schnitzlers Novelle bringt, eine Herausforderung, die statt Inspiration und Denkanstößen sehr viel Lesearbeit bedeutet.

Dabei hätte die Hektode dieses so zeitlosen Werks doch eingeladen zu einem Blick aus der Gegenwart zurück auf hundert Jahre Wirkungsgeschichte in Sachen Traumnovelle. Warum nicht ein Aufsatz, der aus heutiger Sicht auf Schnitzlers Werk blickt, der gegenwärtige philosophische oder psychoanalytische Erkenntnisse mit Schnitzlers Schreiben vereint?

Oder der Blick eines Historikers oder Germanisten, der den Verbindungen in Arthur Schnitzlers Werk und Leben mit der Wiener Moderne leichtfüßig nachspürt oder ein theatraler Blick auf das Ganze, der Adaptionen der Novelle im Theater und Film bis hin zu Stanley Kubricks Adaption Eyes Wide Shut nachzeichnet? All das hätte ich begeisternder und auch lohnenswerter gefunden als das, was Schnitzlers Novelle hier tatsächlich beigegeben wurde.

Fazit

Von solchen Einwänden abgesehen ist die Traumnovelle auch genau hundert Jahre nach ihrem Erscheinen in ihrer radikalen Hinwendung zur Innerlichkeit, zum tabufreien Blick auf Begehren und Tod höchst modern. Schnitzlers Erzählung zeigt eindrücklich, wie er mit seinem Schreiben entscheidend an der Wiener Moderne mitwirkte und mit seinem Schreiben wichtige Türen für eine schambefreitere Literatur öffnete, die furchtlos auf Begehren und erotische Verlockung wie auch die tiefen der eigenen Seele blickt.


  • Arthur Schnitzler – Traumnovelle
  • ISBN 978-3-99027-448-4 (Jung und Jung)
  • 146 Seiten. Preis: 24,00 €

Alissa Wenz – Die Komponistin

Das Leben der „vergessenen“ Komponistin Mélanie Bonis steht im Mittelpunkt von Alissa Wenz‚ Roman Die Komponistin, die darin auf das Leben der musikalisch so begabten Frau blickt, ihr Leben mitsamt der Widerstände und Konflikte schildert, und nicht zu letzt auch Lust macht, sich mit ihrem vielgestaltigen Oeuvre zu beschäftigen.


Beethoven, Bach, Brahms ja, aber Bonis? Schnell bringt man bei einer Aufzählung von Komponisten eine ganze Riege berühmter Männer zusammen, aber wenn es um Komponistinnen geht, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Namen wie Emilie Mayer oder Ethel Smyth dürften einer breiteren Bevölkerung noch immer nicht bekannt sein, obwohl sie zeitlebens durchaus beachtet wurden, dann aber nach ihrem Tod schnell wieder von den Spielplänen verschwanden und erst langsam wieder entdeckt werden.

Einige Publikationen beschäftigen sich nun mit den Komponistinnen, etwa die Anthologie Komponistinnen von Arno Lücker und die etwas kompaktere Darstellung Komponistinnen. Frauen, Töne & Meisterwerke von Aliette de Laleu. Dass wir hier allerdings gerade erst am Anfang des Wiederentdeckens stehen, das zeigt auch Alissa Wenz‘ Roman Die Komponistin. Denn die Französin Melanie Bonis, die im Mittelpunkt ihres biografischen Romans steht, findet in Aliette de Laleus Buch ebenso wie in Arno Lückers Anthologie nur kurz Erwähnung. Lücker liefert neben der biografischen Vignette noch eine Werkbeschreibung ihrer Bacarole, damit hat es sich dann aber.

Das Leben der Komponistin Mélanie Bonis

Alissa Wenz - Die Komponistin (Cover)

Dass da viel mehr Raum für Ausdeutung und Annäherung vorhanden ist, das stellt Wenz in ihrem Roman eindrücklich auf 234 Seiten unter Beweis.

So erzählt die Autorin – selbst eine studierte Musikerin – von Mélanie Bonis‘ Aufwachsen im Paris der 1860er Jahre. Für eine junge Frau ist zu dieser Zeit Raum für Musik, der über die musikalische Untermalung im Salon hinausreicht, nicht vorgesehen. Und doch eignet sich das junge Mädchen essenzielle Kenntnisse des Klavierspiels und der Harmonielehre an, die sie dann am Pariser Konservatorium unter dem Lehrer Cesar Franck vervollkommnen kann.

Sie schafft es ebenso wie ihr Kommilitone Claude Debussy in die Meisterklasse des Konservatoriums, wo sich ihr musikalisches Talent entfalten kann.

Kontrapunkt, Fuge, Studium der Imitation, der Kanons, Überleitungen, Übungen, Kompositionen. Du bist zweiundzwanzig Jahre alt. Du fühlst dich nicht als Pionierin, du willst einfach nur existieren. Du schreibst gern, denkst dir gern etwas aus, entwickelst gern etwas. Seitdem du klein warst, seit deinen verrückten Improvisationen am Klavier zu Hause, seit diesem Geburtstag, der in deinem Rhythmus gefeiert wurde, treiben Melodien durch deinen Kopf, durch deine Arme, sie drängen sich dir auf, und jetzt willst du lernen, wie du sie anordnen kannst. Du begnügst dich nicht einfach mit dem, was aus dir heraussprudelt, und hast schon unzählige Versuche durchgestrichen, viele Entwürfe zerknüllt. Du willst das Wunderbare erreichen; suchst nach der Vollkommenheit der Musik. Das ist dein Ziel, deine Melodien sollen deine Gefühle spiegeln.

Alissa Wenz – Die Komponistin, S. 30

Eine arrangierte Ehe

Weniger erfolgreich hingegen ist ihre Liebe zu dem Sänger Amédéé-Louis Hettich, mit dem sie unter den Augen einer Anstandsdame zusammen komponiert und sich immer mehr verliebt. Den Heiratsantrag bescheiden die Eltern abschlägig, woraufhin Amédéé nach Italien zieht und dort heiratet.
Mélanie ehelicht stattdessen den von ihren Eltern vorgesehenen wohlhabenden Witwer Albert Domange im Jahr 1883. Für dessen Kinder wir Bonis zur Stiefmutter, der „petit maman“, aber auch eigene Kinder wird sie mit Domange haben.

Die innere Distanz zur Musik und die ihr innewohnende Kraft, die Mélanie Bonis immer wieder neu entdecken wird, bis hin zur Publikation ihrer Kompositionen mitsamt der öffentlichen Überraschung, als das Geschlecht des Komponisten „Mel Bonis“ offenbar wird, Alissa Wenz zeichnet Bonis‘ künstlerischen Lebensweg chronologisch nach, durchgängig dargebracht in der Du-Perspektive (übersetzt aus dem Französischen von Alexandra Baisch).

Neben der Musik und dem kompositorischen Drang Bonis‘ findet auch auch die Liebe und das Begehren viel Raum in Die Komponistin. So ist in Wenz Interpretation vor allem die erotische Spannung zwischen dem inzwischen wieder nach Paris zurückgekehrten Amédéé und die in der Trostlosigkeit ihrer Ehe gefangenen Mélanie ein wichtiger Motor ihrer schöpferischen Qualität.

Manchmal kippt das Ganze dabei etwas ins parfümierte Kostümdrama, wenn die Amour fou zwischen Amédéé und Mélanie immer heftiger entbrennt und die Blicke immer tiefer werden, er auf der Bühne die Liebesarie aus Bizets Perlenfischer darbietet oder am Ende sogar noch eine Inzest-Episode ins Buch hineinfindet. Hier ist etwas arg viel Drama mit Tendenz zum Klischee inszeniert, wo doch schon ein Fokus auf Bonis Musik, ihre Erfolge und Scheitern genug Drama böte.

Fazit

So ist Alissa Wenz‘ Vorhaben da am überzeugendsten, wo sie bei der Musik und den Widerständen im Leben von Mélanie Bonis bleibt. Ihr Roman schafft Bewusstsein für die Herausforderungen weiblichen Komponierens auch im 19. Jahrhundert und macht mit seinen sinnlichen Schilderungen des vielgestaltigen Werks von Mélanie Bonis Lust, sich tiefer in ihre Klangwelten einzuhören.

Damit leistet die Französin auch einen wichtigen Beitrag, um auf literarischer Ebene ein breiteres Bewusstsein für weibliches Komponieren und die gebotene Beschäftigung damit zu schaffen.

Dass das dringend nötig ist, zeigt kurioserweise auch eines der beiden eingangs zitierten Werke, nämlich die Anthologie Komponistinnen von Arno Lücker. In seinem schmalen Beitrag zu Mélanie Bonis behauptet er nämlich, dass Amédéé und Mélanie spät doch noch ihr Glück gefunden und geheiratet hätten. Eine völlig falsche Darstellung, wie man aus Alissa Wenz‘ Roman und der Biografie von Bonis‘ Urenkelin Christine Géliot weiß, auf deren Erkenntnissen auch Wenz‘ Buch fußt.

So ist also im Sachen weiblichen Komponierens und der Vermittlungen noch immer viel zu tun, auch wenn Alissa Wenz hier einen wichtigen Schritt geht, bis es dann eben tatsächlich einmal heißt: Bach, Beethoven, Brahms und Bonis!


  • Alissa Wenz – Die Komponistin
  • Aus dem Französischen von Alexandra Baisch
  • ISBN 978-3-8031-3390-8 (Wagenbach)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €

John Lanchester – Das habe ich wegen dir getan

Was tun, wenn das Innerste der eigenen Beziehung plötzlich zum vielfach konsumierten und besprochenen Serienstoff wird? John Lanchester erkundet es in seinem neuen Roman Das habe ich wegen dir getan und legt sein Buch dabei als eine Art Königinnenduell an.


„Jede erfolgreiche Ehe hat ihre eigene Sprache. Eine Sprache, die nicht für fremde Ohren bestimmt ist.“ So hebt John Lanchesters neuer Roman an. Lanchester, der sich mit seinen Romanen schon in der Gattung des Gesellschaftsromans (Kapital) oder Dystopie (Die Mauer) literarisch umgetan hat, legt diesmal einen Beziehungsroman im wahrsten Wortsinn vor.

Das habe ich wegen dir getan blickt nun ins Innerste der Verbindung zwischen zwei Menschen. Die zwei Menschen, die uns an ihrer eigenen Beziehungssprache teilhaben lassen, sind die Ich-Erzählerin Kate und ihr Ehemann Jack, der laut Beschreibung seiner Frau zu jener Gattung von mittelalten Ehemännern zählt, die der Werbung für Altersvorsorge oder Kreuzfahrten im Rentenalter entsprungen sein könnten.

Bequem haben sie sich im fortgeschrittenen Altern eingerichtet in ihrem Londoner Oberschichtleben und sind das, was man gemeinhin als eingespieltes Duo bezeichnet. Auf Partys von befreundeten Architekten findet Jack Gefallen daran, mit Tiraden über die Ottolenghi’sche Kochschule die Abendgesellschaft zu unterhalten, Kate kennt die Marotten und Macken des Ehemanns und kann seine Worte und rhetorischen Winkelzüge schon im Schlaf vorhersagen. Es ist ein fast symbiotisches Miteinander, das die beiden im zum Smarthome ausgebauten Zuhause führen, fern großer Sorgen oder Nöte.

Keine Disco Doll mehr

Doch diese Beziehung kommt schon nach wenigen Seiten zu ihrem jähen Ende, denn überraschend stirbt Jack und die von ihm mit dem Kosenamen „Disco Doll“ bedachte Kate fällt in ein Loch der Trauer. Keine Lebensfreude, keine Disco mehr, nur noch eine schmerzende Leerstelle, wo früher ihr Mann an ihrer Seite war.

Erst ein Buchclub bei einer Bekannten, zu dem Kate nach einer langen Trauerphase eingeladen wird, ändert für sie alles. Denn das Buch, das die Damen an jenem Abend diskutieren, wirf Kate erneut aus der Bahn.

Ich will nicht sagen, dass das die letzten Sekunden waren, in denen ich glücklich war, denn ich war ja nicht glücklich, ich war in tiefer Trauer, ich fühlte mich verloren, leer, verzweifelt. Aber diese Trauer hatte etwas in sich Geschlossenes, eine Art Vollständigkeit. Ich wusste, was geschehen war, und ich wusste, was ich fühlte. Dieses Gefühl endete in diesem Raum in diesem Moment, als ich jemand etwas sagen hörte, das ich niemals für möglich gehalten hätte.
„Und was soll diese Geschichte, dass er sie immer „Disco Doll“ nennt? Wie war das nochmal, was er da immer sagt? „Komm her, Disco Doll“ oder so was?“
„He, ich will dich, Disco Doll“, sagte Evely.
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen entglitt.

John Lanchester – Das habe ich wegen dir getan, S. 142 f.

Intimes Wissen einer Beziehung

John Lanchester - Das habe ich wegen dir getan (Cover)

In dem Buch stößt Kate auf jene ureigene Sprache der Beziehung, die Jack und sie verband – und die sie eigentlich als einzige kannten. Doch sogar die Handlung und die Figurenzeichnung im diskutierten Buch scheint eine Blaupause ihrer eigenen Existenz zu sein. Wie kann die junge Autorin Phoebe von diesen intimsten Dingen ihrer Ehe wissen?

Das treibt Kate um und wird noch dringlicher, als sich das Buch in seiner Serienadaption zu einem weltweiten Netflix-Streaminghit á la Sally Rooney auswächst, der gleichermaßen von der Kritik wie auch dem Publikum für seine Amoralität gefeiert wird. Denn Drehbuch wie Roman sind bar jeder Moral oder Zuneigung zu ihren Figuren – und Kate ist erschüttert.

Wie das sein kann, dass die Autorin von jener Sprache der Beziehung weiß und was sie zum Verfassen der Geschichte und des Drehbuchs bewogen hat, das erzählt die andere Perspektive des Romans. Hier kommt die zweite Ich-Erzählerin ins Spiel, nämlich Phoebe selbst, die in der Logik des Romans den Widerpart zur trauernden und verratenen Kate einnimmt.

Nicht nur altersmäßig ist sie das Gegenteil von Kate. Die junge Frau laboriert an der Bindung zu ihrer Mutter, die mit den Worten „anstrengend“ und „kompliziert“ nur unzureichend beschrieben ist. Während ihr Bruder sein Glück in Tasmanien sucht, kümmert sich Phoebe um ihre Mutter, der sie es nicht recht machen kann, das aber auch gar nicht so wirklich will. Der Erfolg ihres Buchs ist für sie auch eine Belastung, die noch deutlich größer wird, als plötzlich Kate vor ihrer Haustür steht und Redebedarf hat…

Die Vielfalt von Beziehungen

Das habe ich wegen dir getan blickt auf unterschiedliche Beziehungen, die der Roman allesamt feinnervig analysiert. Das eingespielte Miteinander von Mann und Frau, die Bindung von einer Tochter zu ihrer Mutter – und das Werben verschiedener Frauen um den gleichen Mann. Diese drei Beziehungsformen sind gewissermaßen der erzählerische Motor, die Lanchesters Geschichte antreibt.

Durch die Perspektivwechsel zwischen Phoebe und Kate beschleunigt der Text zusätzlich, der nicht nur auf eine große Konfrontation in diesem Königinnenduell der zwei so unterschiedlichen zuläuft. Auch fragt Lanchesters Roman danach, welchen Preis wir für unsere Beziehung zu zahlen bereit sind und wohin uns diese im Extremfall führen können. Mal entweichen Figuren gen Tasmanien, mal erfordert das Aushalten in Beziehungen auch eine gehörige Portion Resilienz und Selbstverleugnung.
Die Unzufriedenheit der Figuren mit ihren Bindungen ist greifbar, bis hin zu den dramatischen Konsequenzen, die das Buch dann für eine der Figuren bereithalten wird…

Fazit

Was macht eigentlich eine gute Ehe aus? Und wie geht man mit Verrat in dieser Ehe um? Und was ist das Gegenteil einer Ehe? John Lanchester stellt sich in Das habe ich wegen dir getan diesen Fragen und illustriert sein literarisches Nachdenken höchst unterhaltsam, zulaufend auf eine große Konfrontation.

Auch wenn Bastian Sick ob des Titels die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte – schließlich empörte sich dieser einst in seiner Zwiebelfisch-Kolumne über den Umstand des um sich greifenden fehlerhaften Dativ-Trends, der mit der Konstruktion wegen dir immer stärker das eigentlich korrekte deinetwegen verdränge – so ist das Buch von solchen Spitzfindigkeiten abgesehen der unterhaltsame Blick in das Innere einer geschmeidig funktionierenden Ehe und zugleich der Blick auf das Gegenteil davon, das konfliktreiche Gegeneinander zwischen zwei Frauen und Generationen, das sich fast wie ein Königinnenduell auf großer Theaterbühne liest, ausgefochten mit durchaus heutigen Mitteln.

John Lanchester ist mit Das habe ich wegen dir getan ein unterhaltsamer, ebenso aktueller wie universeller Roman gelungen, den man gar nicht als Netflix-Serie verfilmt braucht — das Buch schafft das mit dem Kopfkino spielend selbst!


  • John Lanchester – Das habe ich wegen dir getan
  • Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
  • ISBN 978-3-608-96726-5 (Klett Cotta)
  • 400 Seiten. 26,00 €

Constantin Lieb – Wildboden

Das Ende des Künstlers Ernst Ludwig Kirchner erzählt Constantin Lieb in seinem Debütroman Wildboden. Dabei taucht er vor der Schweizer Bergkulisse tief ein in die Seele des Malers – und die seiner Partnerin Erna Schilling.


Die Biografie des Malers Ernst Ludwig Kirchner hält einige spannende Volten bereit. Der 1880 in Aschaffenburg geborene Kirchner hatte eigentlich schon sein Architekturstudium erfolgreich abgeschlossen, als er beschloss, sich lieber als Maler verdingen zu wollen. Der malende Autodidakt war einer der Gründungsmitglieder der Künstlervereinigung Brücke, die er 1905 zusammen mit Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl und Erich Heckel ins Leben rief.

„Warum eigentlich Brücke?“ fragt eine der Aufpasserdamen.
Kirchner und Heckel antworten im selben Augenblick „Nietzsche“, die Köpfe mühsam über Wasser haltend.
„Ach.“
„Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist“, ruft Heckel und spuckt etwas Wasser aus, kurz bevor sie das Ufer erreichen.

Constantin Lieb – Wildboden, S. 28

Doch der künstlerische Erfolg war nicht ohne Schattenseiten. 1937 verdammten die Nazis Kirchners Kunst wie auch die Heckels und die seiner anderen Kollegen der Brücke als „entartet“ und ließen sie aus den Museen entfernen, teilweise sogar in Berlin verbrennen.

Ernst Ludwig Kirchners Schaffensrausch in Davos

Constantin Lieb - Wildboden (Cover)

Dort lebte Kirchner aber schon lange nicht mehr, er war 1917 bereits nach Davos übergesiedelt, genauer gesagt in den Davoser Ortsteil Frauenkirch/Wildboden. Er verbrachte er seine Zeit in einem fiebrigen Schaffensrausch, unterstützt von seiner Partnerin Erna Schilling, als Constantin Liebs Roman einsetzt.

Längst hat sich Erna mit dem schwierigen Kirchner arrangiert. Während sie auf eine Hochzeit mit ihrem Mann hofft, sich um den Haushalt kümmert und sogar für nächtliche Diktate zur Verfügung steht, wenn Kirchner seine Korrespondenzen pflegen muss, gibt sich dieser ganz seiner Kunst hin. Für die örtliche Schule soll er ein Portal gestalten, wie im Wahn malt er teilweise, verfällt in manische Zustände und giert nach der nächsten Dosis Eukodal, heute besser bekannt unter dem Namen Oxycodon.

Nicht nur künstlerisch ist dieser Ernst Ludwig Kirchner ein Getriebener. Auch die Idylle der Schweiz ist längst der neuen Realität gewichen, da die Nationalsozialisten sich auch von der erklärten Neutralität der Schweiz nicht abschrecken lassen.
Der Mord am SA-Agitator Wilhelm Gustloff, der den Nazis auch in der Eidgenossenschaft den Boden bereiten wollte, lässt den eh schon auf dem Rand der Manie balancierenden Kirchner vollends die Facon verlieren.

Dunkle Wolken über Davos

Je näher die Nazis an die Grenze heranrücken, umso mehr dunkle Wolken ziehen auch über Kirchner auf, was schließlich zu seinem dramatischem Freitod im Juni 1938 führen wird.

Porträt Ernst Ludwig Kirchners von Erna Schilling

Constantin Lieb konzentriert sich in Wildboden ganz auf jene letzten Monate Kirchners, in denen sich die Getriebenheit des Künstlers noch einmal bis hin zum tragischen finale furioso steigerte. Der künstlerische Rausch, die Kompromisslosigkeit des Künstlers, mit der er auch seine Partnerin behandelte, die bei der Erschaffung des großen Ganzes, seiner Kunst mitzuwirken hatte, Lieb schildert es sowohl direkt aus der Perspektive des Künstlers wie auch der Erna Schillings, die mit den Kapriolen ihres Mannes wie auch ihrer Akzeptanz dort in Wildboden kämpft.

In mehrere Teil aufgeteilt zeichnet Lieb den Weg vom Schaffensrausch bis hin zum Freitod nach und blickt über diese Zäsur hinaus. Denn Wildboden erzählt in seiner Mischung aus Dokumentation und Fiktion auch noch vom Nachleben der Kunst Kirchners, an der Erna Schilling als seine umsichtige Managerin entscheidenden Anteil hatte. Denn wenn Wildboden neben dem Ende Ernst Ludwig Kirchners eines zeigt, dann das: die Kunst steht eigentlich nie für sich alleine. Es braucht Menschen, die sie fördern, unterstützen und mit ihrer Zuwendung überhaupt erst ermöglichen.

Kirchners Werk und Schillings Beitrag

In diesem Sinne setzt der Künstlerroman auch Erna Schilling und ihrem Opfer für die Kunst ein Denkmal und begreift die Kunst Kirchners als Werk zweier unterschiedlicher Seelen. Erst deren Zusammenwirken ermöglichte diese Kunst, die auch heute noch in vielen Museen der Welt zu sehen ist und die ihre Faszination nicht verloren hat.

Schön auch, dass sich Constantin Lieb in seinem Debüt dafür entschieden hat, besonders in den kurzen Zwischenspielen, die den drei Teilen vorangestellt sind, auch etwas in der Kunst der Malerei mit Worten zu versuchen, indem er einen zeitlich nachgeordneten Besuch im Wildbodenhaus des Künstlers unternimmt, frei von einer allzu konkreten Verortung.

Der Fuß rutscht auf der untersten Sprosse ab, schnell umgreifen. Alles ist Farbe, schwungvoll auf die Flächen gestrichen und noch nicht getrocknet. Die Hand greift die nächste dunkle, feuchte Sprosse und die nächste, langsam zieht man sich nach oben, und verschwindet so im Bild der Situation, bis man sich mit einem Mal von außen sieht, die Wände links und rechts verzerrt, Bildachsen krümmen sich, Perspektiven fächern sich auf, während unten im Dorf ide Kirchturmglocke zehn Mal zur vollen Stunde schlägt.

Constantin Lieb – Wildboden, S. 172

So trifft das Buch manchmal fast einen zarten expressionistischen Ton, der zwar nicht ganz so radikal ist, wie es beispielsweise Mariam Kühsel-Hussaini in ihrem Kunstroman Tschudi vorgemacht hat, der aber die Geschichte in all ihren Schattierungen hervorragend auskleidet.

Fazit

Mit Wildboden ist Constantin Lieb ein Einstand nach Maß gelungen. Der bislang eher als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Lieb hat sich mit dem Freitod Ernst Ludwig Kirchners ein persönliches, zeithistorisch und auch kunstgeschichtlich interessantes Sujet ausgesucht, dass durch die kluge Wahl der Perspektiven und eine überlegte Fokussierung besticht.

Sein Buch trifft gekonnt den Sweetspot zwischen Gefälligkeit, Anspruch, Schwere, Geschichtsstunde und Unterhaltung, sodass dem Werk ein großer Erfolg beschieden sein könnte, der auch die Kunst Ernst Ludwig Kirchners, vor allem aber auch den Anteil Erna Schillings an dieser Kunst wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken könnte.


  • Constantin Lieb – Wildboden
  • ISBN 978-3-458-64627-3 (Insel Verlag)
  • 240 Seiten. Preis: 25,00 €

Quelle Titelbild: Städel Museum, Frankfurt am Main

Christina Walker – Verteidigung eines Gartens

Mit ihrem neuen Roman Verteidigung eines Gartens arbeitet Christina Walker weiter an ihrem Ruf als literarische Spezialistin für besondere Wohnverhältnisse. Sie erzählt von einer Frau, die durch den Rückzug in eine Gartenlaube Raum finden will, um sich neu zu sortieren. Doch dieser Raum ist in vielfältiger Hinsicht bedroht.


Schrebergarten, Gartenlaube, Laubenpieper. Es schwingt etwas Niedlich-Romantisches in all diesen Begriffen mit, die eines der größten Hobbys der Deutschen beschreiben. Knapp 900.000 Schrebergärten gibt es in Deutschland. Es sind Orte, die ihren Besitzern Gärtnern und Auszeiten im Grünen verheißen. Ein reiner Garten Eden, bar jeder Einschränkung oder Reglementierung, ist aber selbst ein Kleingarten in Deutschland natürlich nicht, so will es das Bundeskleingartengesetz.

Dieses dient als Grundlage für die jeweiligen Verordnungen und Satzungen in den Kleingärten, die von den Obmännern und Obfrauen vor Ort auf ihre Einhaltung kontrolliert werden sollen. Eine wichtiger Grundsatz des Gesetzes ist es, dass dieses das Wohnen im eigenen Kleingarten untersagt. Einzelne Übernachtungen gestattet die Gesetzgebung, alles darüber Hinausreichende ist aber verboten.

Marianne Roth, der zentralen Figur in Christina Walkers neuem Roman Verteidigung eines Gartens, ist diese Gesetzgebung aber herzlich egal. Sie hat schließlich ganz andere Probleme. Ihr Mann ist bei einem Autounfall verstorben. Hinterlassen hat er ihr nur Schulden, denn ohne das Wissen seiner Frau hat er Hypotheken auf sein Haus und die darin beheimatete Bäckerei aufgenommen – und diese verspielt.

Rückzug in den Schrebergarten

So kommt es nun zum notgedrungenen Auszug Mariannes aus ihrer eigenen Immobilie – und dem Aufbruch nach Neu-Amerika. Dieses befindet sich aber keinesfalls kontinentenweit von ihrer alten Wohnung entfernt, sondern lediglich außerhalb der namenlosen Stadt an einem Fluss mit Wehr. Es handelt sich nämlich um eine Kleingartenkolonie, in der die Witwe nun die Hütte ihres verstorbenen Mannes bezieht.

Aus ähnlichen Gründen nannte Marianne ihre Unterkunft nicht „Hütte“, sondern „Gartenhaus“ und in besser aufgelegten Momenten manchmal sogar „Kabine“. Das kleine, aber solide Gebäude im Blockhausstil war nicht billig gewesen, zumindest das hatte Carl zugegeben. Marianne hatte nicht weiter nachgefragt, weil dabei meistens nichts herauskam,

Christina Walker – Verteidigung eines Gartens, S. 9

Ihren Verstoß gegen das Bundeskleingartengesetz beäugt der Schrebergarten-Obmann Herr Gregor skeptisch, allein ist Marianne mit ihrer undogmatischen Wohnortwahl aber nicht. Auch andere Parzellen sind illegalerweise dauerhaft durch Personen belegt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen dort in Neu-Amerika einen Rückzugsort für sich gefunden haben.

Eine Frau, eine Parzelle, ein neues Leben

Christina Walker - Verteidigung eines Gartens (Cover)

Marianne befindet sich dabei nicht nur im Roman in guter Gesellschaft, auch werkübergreifend findet die Witwe Verbündete. Denn schon in ihrem Romanen Auto (2021) und Kleine Schule des Fliegens (2023) standen bei Walker Figuren im Mittelpunkt, die ihr Leben auf kleinstem Raum führen wollten.
So erzählte sie in ihrem Debüt von einem Buchhandelsvertreter, der fortan im stillgelegten Mercedes vor seinem Haus wohnen wollte und im zwei Jahre danach erschienenen Roman war es dann ein rekonvaleszenter Krebs-Patient, der seine eigenen vier Wände nicht verlassen sollte, um angesichts seines fragilen Gesundheitszustandes Ansteckungen zu vermeiden.

Dieses Motiv führt die Vorarlbergerin auch in diesem Roman nun fort, weitet es aber zugleich, indem sie um Marianne herum ein ganzes Ensemble von Figuren stellt, das eine vollumfänglichen Rückzug von der Welt verhindert. Denn nicht nur, dass das Arbeitsamt auf eine richtige Meldeadresse von Marianne dringt, auch sucht ihre ehemalige Nachbarin Grete den Kontakt zu Marianne. Und dann ist da noch die ebenfalls regelmäßig in den Schrebergarten zurückkehrenden junge Didi, die vor häuslicher Gewalt und schulischer Ausgrenzung immer wieder nach Neu-Amerika flieht.

So ist dieser Roman der bislang „offenste“, der Marianne aus der armseligen Beengtheit ihrer Laube immer wieder in die große Welt entlässt, in der Walkers Figuren zwischen Schulfluren, den Regalen eines Supermarkts und Angelausflügen umherirren.

Fazit

Die Verteidigung eines Gartens vermeidet es, den Schrebergarten als idyllischen Ort der Selbstverwirklichung zu verklären, im Gegenteil: die Kleingärten von Neu-Amerika lassen jede Idylle vermissen. Immer wieder stolpern die Laubenpieper über Tierkadaver und Knochen, die herbstlich-graue Welt drückt Flora und Fauna darnieder.
Das Refugium vor den Toren der Stadt ist von Natur und Bürokratie bedroht, Marianne versucht unter dem Radar zu bleiben und ist doch immer wieder gezwungen, es mit der Welt da draußen aufzunehmen, Gewalt in Beziehungen ist ebenso ein Thema des Romans wie auch der genaue Blick auf die Schilderung von Armut und den Versuch, diese zu überspielen.

All das macht aus Die Verteidigung eines Gartens eine durchaus herbe Angelegenheit, der trotz Christina Walkers werkimmanenten Thema der Selbstisolation diesmal so stark wie nie zuvor auch in die Leben ihrer anderen Figuren blickt. Sie alle umranken Mariannes neue Existenz in Neu-Amerika allesamt so verschlungen, wie es die Bohnen in ihrer Parzelle dort in Neu-Amerika tun.


  • Christina Walker – Verteidigung eines Gartens
  • ISBN 978-3-7017-1828-3 (Residenz-Verlag)
  • 296 Seiten. Preis: 26,00 €