Don Winslow – The final score

Sag niemals nie – diese Wahrheit hat auch Don Winslow beherzigt. Denn statt weiter in schriftstellerischer Rente zu verharren, legt er mit The final score einen Sammlung von Kurzgeschichten vor, bei der er passenderweise gleich noch einen alten Helden aus frühen Karrieretagen reaktiviert.
Eine allzu hohe Wertung erreicht dieser finale Score allerdings nicht – ist aber doch zugleich auch sehr bemerkenswert.


Es war ein ambitioniertes Vorhaben, für das Don Winslow seine Karriere als erfolgreicher Thrillerautor vor vier Jahren an den Nagel hängte. Statt weiter Krimis zu schreiben, wollte er mit seinem Engagement auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und der Anfertigung von kurzen Filmen die Wiederwahl Donald Trumps verhindern. Ein Vorhaben, das bekanntermaßen von wenig Erfolg gekrönt war – und auch Winslows Medium, der Kurznachrichtendienst Twitter, hat seither einen rasanten Niedergang hingelegt.

Nun erscheint nun mit The final score ein neues Buch von Don Winslow, das vom herausgebenden Harper Collins-Verlag als Thriller geführt wird. Es stellt unter Beweis, dass es mit der Ankündigung des Karriereendes nicht allzu weit her war.
Ein Thriller im klassischen Sinne ist das Buch allerdings nicht, vielmehr enthält das Werk sechs Kurzgeschichten, von denen eigentlich keine wirklich in die Gattung Thriller passt.

Don Winslows Rückkehr aus der Rente

Vielmehr sind manche der Erzählungen das Gegenteil eines Spannungsromans, etwa die Erzählung Die Sonntagsliste, die um einen jungen Mann kreist, der im Sommer des Jahres 1970 als Lieferant illegaler Spirituosen jobbt, um sich ein Studium zu finanzieren.
Sonntags herrschte im Bundesstaat Rhode Island zu jener Zeit nämlich ein eintägiges Alkoholkaufverbot, was der junge Mann in Winslows Erzählung zu nutzen weiß, um für einen Getränkelieferanten die am Tag des Herrn die illegale Auslieferung des Alkohols zu übernehmen, den er an die höchst unterschiedliche Kundschaft vertreibt.

Daneben gibt es Knast-Erzählungen wie die mit hundert Seiten längste Story Kollisionen am Ende des Buchs. Diese handelt von einem eigentlich unbescholtenen Familienvater, der er erst ins Gefängnis und dann in Abhängigkeit von einer Bande gerät.

Thematisch recht deckungsgleich die Erzählung Der Nordflügel, die ebenfalls von einem Verurteilten handelt, derm durch einen Deal seines Cousins ein schwereres Schicksal im Knast erspart werden soll, wofür sich dieser Cousin — ein Streifenpolizist — mit der Mafia einlässt.

Dazu gesellen sich noch die titelgebende Erzählung eines klassischen Heist-Coups um einen letzten Einbruch in ein Casino, eine Erzählung, die in reine Dialogform gegossen wurde und ein kurzes Wiedersehen mit dem surfenden Privatdetektiv Boone Daniels (Pacific Private), mit dem Winslow das Motiv der zu beschützenden höchst extenrischen damsel in distress aufgreift, die er schon im frühen Neal-Carey-Krimi A long walk up the waterslide behandelte und dann im Mittelteil seiner letzten Trilogie um den auf den Spuren der Aeneis wandelnden Mobster Danny Ryan erneut verwendete.

Bekannte Themen, kraftloses Erzählen

Hochspannung und temporeiche Verwicklungen gibt es kaum, vielmehr setzen die von der bewährten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Geschichten auf den typischen, schnell geschnittenen Erzählstil Winslows und umkreisen immer wieder das Thema von Gewalt, Familie und Mafia.

Sind Werke Don Winslows — von einigen erzählerischen Gurken abgesehen — in den letzten Jahren wirkliche Ereignisse gewesen, so wirkt beim erzählerischen Comeback des mittlerweile 73-jährigen Winslow alles seltsam saft- und kraftlos. Der finale Score ist erschütternd niedrig, um im Bild des Buchtitels zu bleiben.

Es mutet einigermaßen rätselhaft an, warum Winslow ausgerechnet mit einem Werk aus der Rente zurückkehren musste, das so wenig zu sagen hat. Dringlichkeit besitzt hier gar nichts.
Da nützt auch die seltsame Nobilitierung durch ein Vorwort des hierzulande kaum übersetzten und dementsprechend unbekannten Reed Farrel Coleman mit seinen Lobpreisungen oder das auf den Titel gedruckte Zitat Stephen Kings nichts.
Dessen Versicherung, dass das Buch das Beste sei, das er seit zwanzig Jahren gelesen gabe, lässt allenfalls Zweifel an der übrigen Lektüre Stephen Kings aufkommen. Was um Himmels Willen liest der Mann sonst so, wenn ihm in zwanzig Jahren kein besseres Buch als dieses untergekommen ist?

Dass das Buch nicht sonderlich gut lektoriert ist, sich deutliche Rechtschreibfehler wie Weinachten oder taugh im Text finden, passt ins Bild zu diesem ebenfalls mit wenig Mühe gestalteten Werk, das angefangen von der Covergestaltung bis hin zum Satz ein Gefühl von Lieblosigkeit verströmt.

Die bemerkenswerte Abwesenheit eines Themas

Das Ganze wäre an sich jetzt nicht sonderlich bemerkenswert. Das Muster eines Künstlers, der sein angekündigtes Karriereende revidiert, um unter großer Aufmerksamkeit ein bestenfalls mittelmäßiges Werk abzuliefern, gibt es in der Popkultur ja häufig.

Spannender wird der Fall, da im Falle von Winslows Geschichten gerade die Abwesenheit eines Themas besonders ins Auge sticht, nämlich die völlige Absenz von Gegenwartsbezug und Politik. So wirkt dieses auch im Original erst heuer erschienene Werk wie mit einem Dampfstrahler gereinigt von allen Spuren amerikanischer Gegenwart und Politikkritik, die Don Winslows Schreiben ja bislang auszeichnete.

Neben seinem digitalen Kampf gegen Donald Trump prangerte Winslow die Umtriebe des US-amerikanischen Präsidenten und die fatalen Auswirkungen des war on drugs auf die US-amerikanisch-mexikanische Grenzregion immer wieder in seinen Werken an, etwa im krimipreisgekrönte Epos Tage der Toten und den Nachfolgeromanen Das Kartell und Jahres des Jägers.

Kaum verhohlen hatten Personen wie Donald Trump der sein Schwiegersohn Jared Kushner neben Kartellbossen wie von Joaquín „El Chapo“ Guzmán in den Romanen ihre Auftritte und bekamen den literarischen Furor Winslows zu spüren.
Jetzt aber – dröhnendes Schweigen über die politische Gegenwart in den USA.

Don Winslow in einer Phase des Biedermeier?

Es scheint fast, als befände sich Don Winslow sich in einer Phase des Biedermeiers. Nostalgie und apolitische Mobster-Themen dominieren, und das in dem Jahr, in dem Donald Trump so unverhohlen wie noch nie in seiner Regierungszeit auf Recht und Ordnung pfeift, Machthaber aus anderen Ländern entführen lässt, illegale Bombenschläge auf Ländern anordnet oder diese gleich annektieren möchte, während auf den Straßen des Landes eine Prügeltruppe wie ICE schaltet und waltet und die Demokratie langsam errodiert.

Material für Kritik oder eine kriminalliterarische Aufarbeitung der Zustände wäre ja mehr als genug vorhanden – und mit seinem 2020 erschienenem Kurzgeschichtenband Broken stellte Don Winslow ja eindrücklich unter Beweis, dass er es kann. Sowohl in der langen wie auch in der kurzen Form ist er zu ebenso spannendem wie gesellschaftskritischen Erzählen in der Lage (man lese nur die ergreifende letzte Geschichte in Broken, die den Titel The last ride trägt. Darin erzählt er von einem Grenzschützer, der dem Unrecht in der Grenzregion nahe der mexikanischen Grenze zur Zeit des Trump’schen Mauerwahnsinns nicht länger zusehen kann und selbst die Initiative ergreift).

Nun aber nur zahnloses und unkritisches Erzählen, bei der kein Mächtiger kritisiert wird, kein Missstand in den Blick gerückt wird, allenfalls von Kämpfen im Knast erzählt wird, wie man es aus der Popkultur zur Genüge kennt.

Dröhnendes Schweigen zu den Zuständen in den USA

Mit diesem Schweigen über die Gegenwart in den USA und die rasanten Veränderungen, die die Regierung Donald Trumps bedeutet, ist Winslow nicht alleine, nur dröhnt dieses Schweigen angesichts seiner bisherigen Positionierung gegen Trump und Co., den er noch vor weniger als zwei Jahren einen Möchtegern-Diktator nannte, gegen der er in die Schlacht ziehen wollte, nun umso lauter.

Literarisch zeigt sich mit The final score das, was auch schon anderen Bereichen der USA von der Musikindustrie bis hin zum Hollywood dieser Tage zu beobachten ist. Stars scheuen eine kleine Positionierung und ein auf einer Preisverleihung getragener Anstecker gilt schon als größte Geste des Protests gegen die Zustände im Land. Man verzwergt sich lieber selbst, statt Shitstorms und Gegenwind in Kauf zu nehmen.

Nun fügt sich auch die Kunst Don Winslows in diese apolitische Starre der Künstler*innen ein, bei der eine klare Positionierung gegen das Wirken der Regierung gescheut wird, da aufgrund der Polarisierung des Landes auch künstlerisch kaum mehr eine Verständigung möglich ist und Sozialkritik zum gefährlichen Gegenstand geworden zu sein scheint.

Das ist symptomatisch für die Zeit und ist — wennauch vielleicht persönlich verständlich — in Bezug auf Don Winslows bisheriges Auftreten und Wirken in doppelter Hinsicht enttäuschend – sowohl was die Qualität seines Comebacks als auch sein fehlender Mut zu literarischer Kritik an den Zuständen seines Heimatlandes anbelangt.


  • Don Winslow – The final score
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-365-01337-3
  • 335 Seiten. Preis: 24,00 €

Megan Nolan – Kleine Schwächen

Es ist wieder einmal eine auf ihre eigene Art traurige Familie, die die irische Schriftstellerin Megan Nolan in ihrem Roman Kleine Schwächen präsentiert. Darin erzählt sie von den Schicksalen der Mitgliedern der Familie Green, die sich durch eine Katastrophe kurzzeitig verbinden und den Blick auf eine Familie mit Makeln freigeben. Doch es sind ja Makel jener Sorte, die uns erst zu Menschen machen und von denen die Irin in ihrem sozialrealistischen Roman gekonnt zu erzählen weiß.


Man kann nicht sagen, dass die Greens in ihrer Umgebung wohlgelitten sind. So werden die aus Irland zugezogenen Mitglieder der Familie von den anderen Bewohnern der Siedlung am Skyler Square im Süden Londons misstrauisch beäugt und gemieden. Sie gelten in den Augen ihrer Mitbürger als „asozial“ – und als es unter den Kindern der Siedlung zu einem tragischen Tod kommt, steht schnell fest, wer unzweifelhaft die Schuld an der Tragödie trägt, nämlich Lucy Green, die Tochter von Carmel.

Die Außenseiter aus Irland

Als Mörderin gebrandmarkt sieht sich die Familie noch weiter ausgegrenzt und wird zum willkommenen Ziel des Reporters Tom Hargreaves, der in der Geschichte um den Tod der dreijährigen Mia Enright das ideale Motiv für eine große Story und damit seinen Aufstieg in der Zeitungsredaktion wittert. Denn die „asozialen“ Greens lassen sich wunderbar zum Widerpart der Opferfamilie aufbauen, die in der Gemeinde hochengagiert, beliebt und respektiert waren — eben das krasse Gegenteil zur irischen Familie, aus deren Reihen womöglich sogar eine Mörderin stammt.

Wir alle haben gesehen, mit wem sie zuletzt gespielt hat. Fragt sich nur, wer von denen ihr was angetan hat.“
Tom klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts ging über dieses Gefühl: an der Schwelle zu etwas Wertvollem zu stehen, das noch im Dunkeln lag. Er spürte es jedes Mal, vor jeder noch so banalen Enthüllung — so lange war er ja noch nicht dabei —, aber etwas in dieser Größenordnung war ihm bisher noch nicht passiert.
Wer von denen, hatte sie gesagt.
Einer von denen.
Hieß das etwa, dass es nicht nur eine kleine Satansbrut aufzuspüren halt, sondern vielleicht sogar — welch unerhörtes, unverschämtes Glück — einen ganzen Haufen?

Megan Nolan – Kleine Schwächen, S. 22f.

Während nun der Witwenschüttler Tom alle presserechtlichen und presseethischen Grundsätze über Bord wirft, um seine Geschichte zu bekommen, tauchen wir durch seine Verhöre in Rückblenden tief ein in die Geschichte um Lucy, ihre Mutter Carmel, Carmels Bruder Richie und ihren Vater, die alle auf ihre eigene Art vom Leben versehrt wurden.

Versehrt vom Leben

MEgan Nolan - Kleine Schwächen (Cover)

So stammt die Familie eigentlich aus der irischen Kleinstadt Waterford an der Südküste Irlands, hat sich aber aufgrund hier nicht näher auszuführender Umstände schon vor Jahren nach London begeben. Alkoholismus, Schwangerschaft, Jugendgewalt – Kleine Schwächen bespielt eine ganze Menge von schwierigen Themen, die die Mitglieder der Familie Green an den gesellschaftlichen Rand haben rutschen lassen.

Das macht das Buch zu einer ernsten Angelegenheit, die bei der 1990 in ebenjenem Waterford in Irland geborenen Megan Nolan aber in sehr guten Händen ist. Denn mit Ernst und Interesse nähert sich die Autorin ihren Figuren und schafft es, durch die Bank weg plastische Figuren zu zeichnen, die durch ihre Risse und Widersprüche lebendig werden, dass es eine Freude ist, ihre Leben und Kämpfe zumindest ein Stück weit zu begleiten.

Würde man filmische Bezüge zu Nolans Erzählen suchen, würde man sie irgendwo zwischen Ken Loach und der Serie Adolescence finden. Ungeschönt und direkt ist der Blick der Irin, was zu einem beeindruckenden deutschen Debüt wird (übersetzt von Stefanie Ochel).

Fazit

Und auch wenn der Titel Kleine Schwächen benennt (im Übrigen eine passende Entsprechung zum nicht minder tollen Originaltitel Ordinary Human Failing), so leistet sich das Erzählen von Megan Nolan weder kleine noch große Schwächen, im Gegenteil. Ihr Gespür für Figuren und der ungeschönte Blick auf das Leben am Rand des sozialen Spektrums überzeugt, genauso wie ihr kritischer Blick auf die Berichterstattung in den Boulevardmedien, bei dem sich nur wenig geändert zu haben scheint, auch wenn Nolans Roman in den 90er Jahren angesiedelt ist. Von dieser Stimme wird man sicherlich noch hören!


  • Megan Nolan – Kleine Schwächen
  • Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-910372-63-4
  • 254 Seiten. Preis: 24,00 €

Tomer Gardi – Liefern

Sie heißen Foodiesya, Ratzfatz, Go Go, Şipşak oder IndieGo – und ihr Siegeszug ist ein globaler. In Liefern erzählt Tomer Gardi von der neuen Welt der Lieferdienste, die Speisen und Einkäufe bis vor die Wohnungstür bringen – und den Menschen, die diese Arbeit verrichten und damit den Komfort anderer Menschen ermöglichen.


Wenn es ein deutschsprachiges Buch in diesem Frühjahr gibt, dass den Anspruch eines globalen Romans einlöst, dann ist es Tomer Gardis neues Buch.
Kenia, Brasilien und Berlin, Neu-Delhi und Istanbul sind die Schauplätze, an denen sein neuer Roman spielt, der wie schon der zuvor erschienene und mit dem Preis der Leipziger Messe ausgezeichnete Roman Eine runde Sache wieder eine Besonderheit aufweist. Denn abermals findet sich hineingepflanzt in den Text des in Israel geborenen Gardi ein Romanteil, der abweichend zum restlichen auf Deutsch geschriebenen Textkorpus auf Hebräisch verfasst wurde.

Diesen Teil hat Anne Birkenhauer ins Deutsche übertragen hat, die hier erneut mit Tomer Gardi zusammenarbeitet, wie sie auch schon den hebräischen Buchteil in Eine runde Sache übersetzte und so an der Entstehung des Buchs mitwirkte.

Lieferdienste weltweit

Tomer Gardi - Liefern (Cover)

Möchte man sich dem Roman auf inhaltlicher Ebene annähern, so fällt eine konzise Zusammenfassung nicht ganz leicht. Denn Gardi springt nicht nur auf der Landkarte munter umher, auch bringt jeder Ort wieder neue Figuren mit sich, die sich später zum Teil sogar begegnen und so einen losen Reigen ergeben.

Den Ausgang nimmt alles mit Filmon, einem aus Eritrea geflohenen Mann, der seine Frau und die Tochter Israel sicher in Berlin weiß. Er hingegen muss noch an jenem Ort verharren, nach dem sie aus Dankbarkeit über die gelungene Flucht ins gelobte Land auch ihre Tochter benannt haben.

Mit dem Ziel eines Nachzugs zu seiner Familie hat er schon in einem Restaurant in Tel Aviv gejobbt, doch nach dem Ende des Ladens wird er zu einem sogenannten Rider. Unter falschem Namen und mit dem „kubischen Globus“ auf dem Rücken heuert er beim Lieferdienst IndieGo an, um hungrigen Menschen unter permanentem Zeit- und Leistungsdruck ihr Essen auf dem Fahrrad auszuliefern.

Auch an anderen Schauplätzen, die Gardi im Folgenden besucht (und an denen er nach Verlagsangaben selbst über sechs Jahre recherchierte) bleibt der Leistungsdruck hoch. Angestellt von erpresserischen Zwischenhändlern müssen die Boten in Delhi oder Istanbul immer gegen die Zeit fahren. Auch in Berlin ähnelt sich das Tätigkeitsbild, wo die zumeist Männer auf gemieteten Rädern durch die Stadt hasten und Mineralwasserflaschen, Döner oder Klopapier auch mal bis in den dritten Stock hinauftragen.

Ein moderner Atlas mit Gepäcktasche statt Globus auf dem Rücken

Stets mit einem Auge auf den Algorithmus, der Beschwerden oder Untätigkeit sofort bestraft und eine Herabstufung und damit auch geringere Bezahlung veranlasst, gleichen die Männer dem modernen Atlas, niedergedrückt diesmal nicht von einer Weltkugel, sondern den quadratischen Gepäcktaschen, die sie auf dem Rücken transportieren.

Alle Riders wussten, welches die gefährlichen Orte waren, und keiner wollte dorthin. Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache, eine Art Russisch Roulette. Technisch war es möglich, eine Lieferung abzulehnen, und ab und zu tat Sachin das auch, wenn sie die Gefahr manchmal nicht ertragen konnte oder wenn sie spürte, dass Vivaan an dem Tag besonders verletzlich war und sie ihn nicht in noch größere Ängste stürzen wollte. Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punkteabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue. Und wenn du auf Blue warst, musstest du sehr, sehr viel schneller liefern, um genug Geld für dein Leben zu verdienen.

Tomer Gardi – Liefern, S. 99

Gardi begleitet sie auf ihrem Weg, zeigt ihre Ausgegrenztheit und den Leistungsdruck, der in Verkehrsunfälle und schlimmstenfalls den Tod münden kann, ohne dass die Menschen auf der anderen Seite der App den Preis kennen, den ihre Bequemlichkeit für andere Menschen bedeutet.

Unvorhersehbare erzählerische Wege

Die erzählerischen Wege, die Tomer Gardi dabei einschlägt, sind manchmal so unvorhersehbar wie der nächste Auftrag der Rider und die Schleichwege, die sie dabei nehmen, immer im Kampf gegen die Uhr.

So spielt der von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzte Teil Mimesis in Istanbul, wo Gardi zwei Männer auf dem Weg zu einer Haartransplantation zeigt. Erst später wird sich die Verbindung zum Thema der Lieferdienste zeigen, dazu webt Gardi auch das Schicksal des zur Nazizeit aus Deutschland ins Istanbuler Exil geflohenen Kulturphilosophen Erich Auerbach ein, der dort sein dem Kapitel seinen Titel gebende Hauptwerk Mimesis verfasst.

Gardi führt die Kulturphilosophie Auerbachs selbst ein Stück weiter, indem er die globale Beschleunigung und Entwicklung zeigt, die beispielsweise darin mündet, dass die Wohnung dieses Denkers nun zur seelenlosen AirBnB-Wohnung geworden ist, die wiederum von einem Rider mit Essen beliefert wird. Der immense Kulturwandel wird in solchen kurzen Blicklichtern eindeutig.

Auswüchse des Kapitalismus, Auswüchse unserer Bequemlichkeit

Liefern zeigt die globalen Auswüchse unserer Zeit im Streben nach mehr Bequemlichkeit und Komfort und zeigt der Folgen dessen. Die Haartransplantation in der Türkei, deren Gesundheitssystem wegen der vielen privaten OPs zusehends in Schieflage gerät. Die Anonymität der Lieferdienste, die der Ausbeutung von Menschen Tür und Tor öffnet. Oder die Rosenzucht in Kenia unter permanenten Leistungsdruck, die durch den Takt der weltweiten Feiertage vorgegeben wird:

Doch noch während sie in diesen Sekundenbruchteilen verweilte, sagte Sarah, Mädchen, du hast nicht den ganzen Tag, um vor so einem Strauch zu stehen. Ich muss bis Ende des Tages achthundert Stiele ernten. Bereite dich darauf vor, dass du hier schnell arbeiten muss. Nächste Woche beginnt die Ernte für Valentine’s Day. Dann wird du alleine zweitausend Stiele pro Tag schneiden müssen. Und nach Valentine’s kommt Muttertag in England. Und drei Wochen später auch Eid Al-Fitr.

Tomer Gardi – Liefern, S. 293

All das thematisiert Tomer Gardi in diesem wilden und globalen Buch, das mal von Verfolgungsjagden, mal von Einsamkeit und immer vom Leistungsdruck und dem Wunsch nach Ankommen erzählt. Nah dran an der Gegenwart und mit dem Blick auf eine neue Kaste von Menschen, die unsere Bequemlichkeit bezahlt ist Liefern ein eindrückliches Buch, mit dem Tomer Gardi wirklich abgeliefert hat.


  • Tomer Gardi – Liefern
  • In Teilen aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer
  • ISBN 978-3-608-50263-3 (Tropen)
  • 320 Seiten. Preis: 25,00 €

Elias Hirschl – Schleifen

Es gleicht einem Wunder, dass wir miteinander sprechen und uns verstehen – zumindest nach der Lektüre von Elias Hirschls neuem Roman Schleifen. Denn darin erzählt er von babylonischer Sprachverwirrung, von sprachfanatischen Sektenanhängern, Medikamenten, bei denen die Lektüre des Beipackzettels erst die Wirkung entfaltet oder einem Kreisel in Japan, auf dem sich ganz eigenes Biotop entwickelt. Dieser Roman schäumt fast über vor lauter erzählerischer Energie und Erfindungsreichtum.


Wieder einmal muss man konstatieren – tu felix, austria. Denn wo bei uns meist eine uniforme Schreibschulprosa der nachwachsenden Schriftsteller*innengeneration den Eindruck von literarischer Monokultur verströmt, da wächst und wuchert es in Österreich auf das Herrlichste. Autor*innen wie Clemens J. Setz oder Raphaela Edelbauer schreiben an einem ganz eigenen Werk und entwerfen Plots fernab von jeder erzählerischen Schablone. Skurril, eigen, verspielt und mutig sind diese Stimmen, zu denen man besonders nach seinem neuesten Wurf auch unbedingt Elias Hirschl zählen muss.

Es empfiehlt sich fast, seinen neuen Roman unter einer Schutzhaube zu lagern, da Schleifen vor lauter Ideen und schöpferischer Kraft nur so sprüht und sprudelt.
Nach seinem Roman Content, der sich mit den Mechanismen von Social Media und der Schaffung des Mülls befasste, der uns in den digitalen Weiten täglich begegnet, widmet sich Schleifen einem noch viel omnipräsenteren Thema, nämlich dem der Sprache. Ihr Wirkweise, ihre Vieldeutigkeit, aber auch die Gefahr, die in Sprachen lauern kann, das sind Themen dieses Romans, dem man nicht vorwerfen kann, unterambitioniert oder unterfordernd zu sein.

Franziska Denk und Otto Mandl

Elias Hirschl - Schleifen (Cover)

Ausgangspunkt ist das Paar Franziska Denk und Otto Mandl. Er Mathematiker, sie Sprachexpertin vor allem für ausgefallene Sprachen und Sprachsysteme. Die Freundschaft der beiden beginnt im Schatten des Wiener Kreises, bei dem Größen wie Gödel oder Wittgenstein zusammenfinden, um über die Logiken der Sprache und ihre Grenzen zu debattieren.

Franziska Denk weckt schon in Jugendjahren die Neugier des Kreises, da sie unter einer ganz besonderen Krankheit leidet. So zeigen sich bei ihr sämtliche Symptome von Krankheiten, von denen sie zuvor lediglich gehört hat, was Elias Hirschl dann auch zum schönen Romanauftakt befleißigt, der da lautet „Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder“.

Die Frau, in deren Verwandtschaft angeblich schon die Lektüre von Sterbeanzeigen zu Todesfällen führte und die Lektüre von Beipackzetteln ganze Krankheitskaskaden auslöste, sie fasziniert Otto, dessen Suche nach Logik und Kohärenz in mathematischen Bezugsystem mit der Faszination Franziskas für ebenjene Faktoren bei Sprachen aufs Beste harmonieren.

Deshalb wolle er nun Kontakt herstellen, diese zwei Schnittstellen miteinander verbinden. Er habe eine Skizze mitgeschickt von einer Mathematik, an der er gerade selbst arbeitet, es handle sich um eine bloße Spielerei, nichts Besonderes, ein Hektalsystem, also ein arithmetisches Gefüge, das statt den üblichen zehn Ziffern gleich hundert verschiedene Symbole benutzte. Er erhoffte sich davon eine Lösung für das Problem des strong law of small numbers, nach des zu wenig kleine Zahlen gibt für all die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Also habe er einfach ein paar zusätzliche kleine Zahlen hergestellt – einhundert davon.

Elias Hirschl – Schleifen, S. 65 f.

Logik, Sprachsystem und die reine Mathematik

Der Mathematiker und die Sprachexpertin, die sich auf exotische Sprachen und Plansprachen wie das Esperanto verlegte, um dem Symptomleiden von Krankheiten in den gängigen Sprachen zu entgehen, sie werden ein Paar und entwickeln sich doch in ganz unterschiedliche Richtungen. Denn während Otto im Nachlass seines Vaters bahnbrechende Erkenntnisse entdeckt, diese aber nicht mehr teilen kann, weil er auf einer Reise in Japan in einem Verkehrskreisel verschütt geht, entwickelt Franziska ganz eigene Sprachen und Sprechweisen – und geht den Weg in die Radikalisierung.

Recht viel mehr sollte man bei diesem immens kreativen und spielfreudigen Roman gar nicht verraten, denn immer wieder sind es Erzähleinfälle von Hirschl, die auf den Seiten begeistern. Und auch wenn das Buch durchaus theorielastig ist, sich mathematische Beschreibungen wie die oben zitierte immer wieder im Text finden oder Schnittmengen zwischen Mathematik und Sprachwissenschaften wie etwa das Zipf’sche Gesetz erkundet werden, so vergisst Hirschl doch auch nicht den Unterhaltungsanspruch und geht auch mit einer gehörigen Dosis Quatsch zu Werke.

Da finden sich fiktive Denker, da ballen sich Anagramme, bei denen Walter Moers mit seinem zamonischen Anagrammspaß etwa eines Doelerich Hirnfidler grüßt, da werden Quellen erfunden, da wird in Fußnoten großer Quatsch behauptet, der sich dann aber wieder als wahr erweist, da scheint sogar die Möglichkeit eines Turms von Babel in glaubhafter Reichweite zu liegen.

Je weiter man sich in die Welt von Schleifen hineinwagt, umso absurder, umso existenzieller wird aber auch dieses Erzählen von Elias Hirschl, der bis in den Anhang hinein kreative Ideen und Gags präsentiert, etwa den Wahnwitz einer hundertseitigen Novelle, die Franziska Denk ersonnen haben soll, bei der sich kein einziges Wort wiederholt – oder die Möglichkeit einer Palindrom-Lyrik, die der 1994 geborene Österreich dann prompt gleich selbst vorexerziert.

Die Lust am literarischen Spiel

In diesem Roman verbindet sich Ernsthaftigkeit mit der Lust am Spiel, was en passant auch die Fragen von Radikalisierung und die Faszination des Querdenkertums tangiert. Wie können wir uns verständigen – und welche Wirkkraft entfaltet Sprache und wie teilt sie auch unsere Wahrnehmung? Es sind große Fragen, die bei aller Freude am literarischen Spiel in Elias Hirschls Text mitschwingen.

Das Einzige, das man diesem wild sprühenden Roman vorwerfen könnte, wenn man denn möchte, liegt in der Konstruktion begründet. Die Tatsache, dass der Roman vom Titel an bis hin in die Erzählmotive immer wieder von Schleifen handelt, Hirschl das aber nicht nutzt, um einen Ringschluss in seinem Buch herzustellen und so ein literarisches Möbiusband zu weben, das ist ein kleiner Wermutstropfen, der durch das große Spiel und die unbändige Freude am Erzählen aber wieder mehr als wettgemacht wird.

Fast möchte man sich nach der Lektüre selbst einen Buchdeckel auf den Kopf setzen, wie es einige Figuren in Schleifen tun, um seiner Begeisterung für diese kreative Schaffenskraft Ausdruck zu verleihen!


  • Elias Hirschl – Schleifen
  • ISBN 978-3-552-07588-7 (Zsolnay)
  • 408 Seiten. Preis: 26,00 €

Sanora Babb – Namen unbekannt

Fast meint man bei der Lektüre den Staub aus den Seiten herausrieseln zu spüren. Eindrucksvoll erzählt die US-Amerikanerin Sanora Babb in ihrem Roman Namen unbekannt aus dem Jahr 1939 vom Elend der amerikanischen Farmer in den Great Plains zur Zeit der Wirtschaftskrise und den empörend Umständen, unter denen Wanderarbeiter ihre Arbeit in Kalifornien verrichten mussten.
Empörend ist auch die Geschichte des Buchs, denn jahrzehntelang stand Namen unbekannt im Schatten des Werks von John Steinbeck. Zu Unrecht, wie diese deutsche Erstausgabe des Buchs zeigt.


Etwas Besseres als den Tod finden wir überall – so befanden es die Bremer Stadtmusikanten am Ende des berühmten Märchens der Gebrüder Grimm, als sie aufbrachen, um an anderer Stelle ihr Glück zu finden. Doch dass solch ein Aufbruch keineswegs Besserung bringen muss, das beweist Sanora Babbs Roman Namen unbekannt beziehungsweise Whose names are unknown, so der englische Originaltitel, auf eindrückliche Art und Weise.

Denn darin verleiht Babb den abertausenden von Farmern und Wanderarbeitern zur Zeit der amerikanischen Wirtschaftskrise ein Gesicht und zeigt, dass zwischen Leben und Sterben kein großer Unterschied sein muss, wie es im Falle ihres Romans die Familie Dunne erleben muss.

Leben und Überleben in der Dust Bowl

Sanora Babb - Namen unbekannt (Cover)

Die Dunnes leben im Gebiet der sogenannten Dust Bowl, der Staubschüssel Amerikas — wobei man besser eigentlich von überleben sprechen müsste. Im Gebiet zwischen Kansas und Oklahoma, Oklahoma Panhandle genannt, bewirtschaften Milt und Julia zusammen mit dem Großvater Konkie Zeit und ihren beiden Töchtern eine Farm unter widrigsten Umständen.

Der Boden ist karg und lässt den Weizen kaum gedeihen, die Farmer sind auf Regen angewiesen, der aber dort im Land der Extreme schnell in Unwetter umschlagen kann, die dann wiederum die Ernte vernichten, von der man eigentlich selbst bei besten Bedingungen kaum leben kann.

Im Falle der Dunnes ist die Lage aber nun besonders bedrohlich. Denn während sich in Europa langsam ein zweiter Weltkrieg abzeichnet und sich die US-amerikanische Wirtschaft auf Talfahrt befindet, ziehen zu allem Überfluss auch noch hartnäckige Staubstürmen über Land, die die sowieso schon karge Ernte restlos vernichten. Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Folge, von denen Sanora Babb höchst anschaulich erzählt und dabei an die Erzähltradition des Naturalismus anknüpft.

Ein Roman in der Tradition des Naturalismus

Das Leid durch die Missernten, die schlechte Versorgung mit Nahrung, die sogar in Totgeburten endet, der durch alle Ritzen kriechende Staub und der trostlose Anblick der Natur, all das schildert die 1907 geborene Autorin sehr eindringlich und ungeschönt.

Der lange schwere Winter setzte ein, entfaltete sich grausam und dumpf, indem er von den Rocky Mountains im Westen in einem einzigen ungebremsten Riesenschwung hohe, schneidende Winde durch die Ebene zu ihnen herüberschickte. Nur gelegentlich milderten und verschönerten Schneefälle die grausame Pracht der Landschaft.

Der heftige Frost hatte kaum die Zweige der Schwarzpappeln, die die Flüsse säumten, geknickt und das Grün aus dem Unkraut gesogen, als der würzige Herbstgeruch aus der Abendluft verschwand und es bitterkalt wurde. Das Grün des zähen Büffelgrases, wie eine dichte, leicht gewellte Decke über der trockenen Ebene ausgebreitet, wandelte sich unmerklich zu Grau. Der Wind löste die starken Wurzeln des Salzkrautes und trieb es vor sich her über die Prärie, bis es in dichten Garben an den Stacheldrahtzäunen hängenblieb.

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 85 .

Das Erzählen Sanora Babbs speist sich auch aus eigener Erfahrung, schließlich wuchs sie unter ähnlich Bedingungen auf, wie sie diese im Roman schildert. Zudem half sie später als Sozialarbeiterin Farmern wie denen der fiktiven Dunnes und erlebte deren Überlebenskämpfe unmittelbar mit. Dies macht Namen unbekannt zu einer solch starken und eindrücklichen Lektüre, die Schicksal ihrer Figuren auch dann noch folgt, als diese ihre letzten Besitztümer verpfänden, um mit einer in ähnlicher Armut lebenden Nachbarin das alte Pionier-Motto „Go West!“ zu beherzigen und gemeinsam nach Kalifornien aufzubrechen.

Von Oklahoma nach Kalifornien

Dass das Leben dort zwar staubfreier, aber ansonsten auch alles andere als leicht für Menschen wie sie ist, das zeigt die zweite Hälfte des Romans. Zwar mag sich die Kulisse für den Überlebenskampf der Familie geändert haben, etwas Besseres als den Tod haben sie aber auch in Kalifornien nicht gefunden, wie die folgenden Ereignisse zeigen.

Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es nämlich ein Überangebot von amerikanischen Arbeitern, die mit Mexikanern und anderen Einwanderer um die spärlichen Jobs konkurrieren, was zu einem Unterbietungswettbewerb in Sachen Lohn und Lebensumstände führt. Sogar für Licht müssen sie in den Baracken zahlen und werden von den Aufsehern und Farmer an allen Stationen niedergehalten, egal ob bei der Baumwollernte oder beim Pflücken von Pfirsichen.

Auch hier zeigt sich, dass die Dunnes die ganze Pazifikküste auf der Suche nach Arbeit bereisen können, bessere Lebensumstände finden sie aber nirgends. Steter Begleiter sind auch hier Hunger und Entbehrung, was bis hin zum Kochen eines Pfeffertees als einziger Nahrungsquelle reicht. Bei diesem handelt es sich um heißes Wasser, das mit Salz und Pfeffer versetzt wird — tageweise die einzige Nahrung, die die Dunnes zu sich nehmen, während sie bis zur Selbstaufgabe schuften, verhöhnt von den Vorarbeitern und Aufseher, für die die Ausbeutung und das Leid der Ärmeren ganz natürliche Umstände sind.

„Es gibt eben auf der ganzen Welt eine Klasse von Menschen, die für diese Art von Arbeit gemacht ist. Denen kann man helfen, wie man will, sie landen immer wieder ganz unten“

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 264

Die Widerstandskraft der Vielen

Gespeist aus ihren persönlichen Erfahrungen ist Namen unbekannt ein kraftvolles Dokument für die Leidensfähigkeit und die Entbehrungen, die die tausenden Wanderarbeiter und Farmer zur Zeit der Wirtschaftskrise erleiden mussten, obgleich das Buch nicht nur in der Beschau des Leids verharrt. Sanft weist Sanora Babbs Werk auch einen Weg, um Unrecht und sozialen Missständen entgegenzutreten, indem immer wieder der Gedanke von Gemeinschaft und gewerkschaftlich organisiertem Widerstand als mögliche Wege aus der Krise aufscheinen.

Wie viele Leben waren nicht schon durch schieres Ertragen vergeudet worden? Wären all diese Leben, wenn sie sich zusammenschlossen, nicht in der Lage, die Welt zu verändern?

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 56

All diese Leben, die in der Geschichtsschreibung keinen Widerhall fanden, sie bekommen von Sanora Babb postum die Würdigung, die ihr Kampf gegen die omnipräsenten Widerstände verdient.

Die unbekannte Sanora Babb

Doch nicht nur die hier gewürdigten Schicksale der Wanderarbeiter sind heute noch weitestgehend unbekannt, auch für Sanora Babb trifft das leider zu. Denn die Autorin stand zeitlebens (1907-2005) im Schatten eines Mannes, der in seinen Romanen ebenfalls vom Schicksal der amerikanischen Wanderarbeiter erzählte und der zeitgleich mit Sanora Babb an einem Roman mit ähnlichem Plot wie Namen unbekannt arbeitete.
Sein Name: John Steinbeck.

Dieser hatte zuvor schon mit seinem Werk Von Mäusen und Menschen für Aufmerksamkeit gesorgt und stand mit dem gleichen Mann in Austausch, mit dem auch Sanora Babb für ihren Roman zusammenarbeitete. Möglicherweise hatte Steinbeck sogar Kenntnis von Babbs Entwürfen, wie die Autorin Mareike Fallwickl in ihrem Nachwort zu Namen unbekannt spekuliert.

So oder so ist die Geschichte bestürzend. Denn während Steinbecks Roman 1939 erschien, lehnten die Verlage auch angesichts des überragenden Erfolgs die Publikation des zeitgleich entstandenen Werks von Sanora Babb ab. Zu gleich seien die Themen der Bücher, als dass die Öffentlichkeit ein zweites, thematisch gleich gelagertes Buch interessieren könne, so das Urteil der Verlage.

Dass dies ausgemachter Unsinn ist, muss man nicht nur angesichts des ökonomischen Erfolgs von austauschbaren Regional- oder Serienmörderkrimis konstatieren, sondern es zeigt sich auf auch dem Buchmarkt in Form von erfolgreichen Doppelung von Romanen wie dem von Caroline Wahl, der auf den inhaltlich kongruenten und sprachlich deutlich besseren Erstling von Annika Büsing folgte.

Es sollte bis ins Jahr 2004 (!) dauern, bis der Roman publiziert werden sollte und Babb ihn in ihren mittlerweile 97 Jahre alten Händen halten durfte, immerhin noch ein Jahr vor ihrem Tod im darauffolgenden Jahr.

Fazit

So fügt sich Namen unbekannt in eine ganze Riege übersehener oder verdrängter Romane aus weiblicher Feder ein, die im Nachhinein zeigen, um wie vieles die Literatur ärmer ist, da man solche literarische Stimmen wie die von Sanora Babb über Jahrzehnte hinweg überging und ignorierte.

Zwar spät, aber nicht zu spät erfolgt nun die Wiederentdeckung dieser Frau und ihres Schreibens, das sowohl durch ihr Schicksal als auch durch die Themen ihres Erzählen zeigt, dass es nie zu spät ist, um sich den scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten entgegenzutreten und selbst Widerstand zu leisten, für eine bessere Welt, in der Unterdrückten doch noch Gerechtigkeit widerfährt!


  • Sanora Babb – Namen unbekannt
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Reinhardus
  • Nachwort von Mareike Fallwickl
  • ISBN 978-3-15-011471-1 (Reclam)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €