Andrew O’Hagan – Maifliegen

Oh, bittersüße Nostalgie. In Maifliegen blickt der schottische Journalist und Autor Andrew O’Hagan zurück auf eine Jugend in Schottland und fragt sich, was von jener Zeit bleibt…


Morrissey und seine The Smiths, Orchestral Manoeuvres in the Dark oder die Specials : es ist eine ganze Playlist des Britpops und -rocks der 80er Jahre, die einem wieder im Ohr klingt, wenn man sich an die Lektüre von Andrew O’Hagans Roman Maifliegen macht (Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).

Ein Wochenende in Manchester

Andrew O'Hagan - Maifliegen (Cover)

Ausgangspunkt des Ganzen sind die Erinnerungen von James, der sich noch einmal seine Jugendzeit vor Augen führt. Aufgewachsen in einer schottischen Kleinstadt verband ihn schon immer eine Freundschaft mit Tully Dawson, die zusammen einige Freunde um sich scharten, mit denen sie ihre Liebe zum Fußball und zur Musik teilten.

Prägend und zentraler Teil dieser Jugenderinnerungen war eine Reise, die die Tully und Dawson zusammen mit einem Freund nach Manchester unternahmen. Für ein Wochenende wollten sie die Stadt unsicher machen, junge Frauen kennenlernen, trinken, feiern und viel Musik hören. In Kaschemmen, Musikclubs und Plattenläden erlebten die Teenager eine Art Initiation fürs Erwachsenenleben, ehe sie der Alltag in Schottland wieder einholen sollte.

Bis hierhin lässt sich Andrew O’Hagan Roman wie ein rückblickender, nostalgiegeschwängerter Jugendromans an, den auch Benedict Wells oder Joey Goebel in leicht abgewandelter Form hätten schreiben können. Was Maifliegen aber über diese Beschau einer britischen beziehungsweise schottischen Jugend hinaushebt, ist der Cut in der Mitte des Buchs.

Dreißig Jahre später

Denn Andrew O’Hagan bricht diese Feier von Musik und Freiheitsdrang ab, um den zweiten Teil des Romans dreißig Jahre später anzusetzen. Im Jahr 2017 lernen wir den Ich-Erzähler James als Erwachsenen kennen, dem nicht viel von seiner rebellischen Adoleszenz geblieben ist. Eines Abends bekommt er eine Nachricht von Tully, den ihn aus seiner mittlerweile so eingeübten Routine reißt.

In der U-Bahn waren die Scheiben beschlagen. Ich saß in einem leeren Abteil, und vor meinem inneren Auge erschien die rote Leuchtreklame des Hotels Britannia, damals, vor vielen Jahren, zusammen mit Tully. Zuhause legte ich die Krawatte ab und goss mir einen Whisky ein. Tully arbeitete inzwischen als Lehrer. Fachleiter für Englisch. Vor vielen langen Wintern hatte er die Abendschule besucht, ganz wie beschlossen. Und jetzt unterrichtete er im East End von Glasgow, und die Schüler liebten ihn. Ich hatte eine Weile nichts von ihm gehört, und seine Nachricht beunruhigte mich. Ich versuchte, mir einen Fluss in den Highlands vorzustellen oder ein loderndes Torffeuer, als das Display aufleuchtete. „Tullygarwan, Townland von Ulster“, sagte ich. „Was liegt an?“
„Ach, Noodles.“
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
„Lass dir Zeit.“
„Ich bin am Marsch, Mann, total im Arsch. Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen.“

Andrew O’Hagan – Maifliegen, S. 168

Die Nachricht, die Tully seinem Jugendfreund dann übermittelt, zieht James dann wirklich den Boden unter den Füßen weg. Aber nachdem die beiden ja schon in Jugendzeiten unter Beweis gestellt haben, dass ihre Freundschaft tragfähig ist, will James auch Tullys letzten Wünsche noch übermitteln und beginnt so, für seinen Freund entscheidende Dinge in die Wege zu leiten.

Was bedeutet Freundschaft?

Maifliegen ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben, das viel zu schnell wieder vorbei ist. Mit der zweiten Hälfte des Romans verschafft Andrew O’Hagan dem Text eine Tiefe, die der erste Teil für sich alleine nicht einlösen kann. Denn dann gesellt sich zur Nostalgie auch die Frage von dem, was von uns und unseren Bindungen bleibt, was dem Text eine ganz eigene Dramatik verleiht.

Dieser Roman ist indes bereits der zweite Auftritt von Andrew O’Hagan auf dem deutschen Literaturmarkt. Vor zwei Jahren gelang ihm und dem herausgebenden Ullstein-Verlag mit Caledonian Road ein wirklich großer Gesellschaftsroman der britischen Gegenwart, der sämtliche sozialen Schichten ausleuchtete und mit dem im Mittelpunkt stehenden – oder besser taumelnden — Intellektuellen Campbell Flynn auch sein humoristisches Potenzial entfaltete.

Ganz neu ist Maifliegen nun aber nicht, vielmehr erschien das Werk als Mayflies im Original bereits im Jahr 2020 und liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Den gesellschaftlichen Anspruch von Caledonian Road hat dieses Buch nicht und will ihn auch gar nicht haben. Vielmehr ist O’Hagans Buch der konzentrierte Blick auf eine Freundschaft zwischen Jugend und Alter und die Frage, was Freundschaft trägt und was sie bestenfalls aushalten kann.

Das macht aus dem Buch eine kleine Preziose, der hoffentlich auch etwas der Aufmerksamkeit vergönnt ist, die Andrew O’Hagans Caledonian Road bereits beschieden war.


  • Andrew O’Hagan – Maifliegen
  • Aus dem Englischen Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
  • ISBN 978-3-550-20447-0 (Ullstein)
  • 334 Seiten. Preis: 24,00 €

John Horne Burns – Galleria Umberto

Die Wiederentdeckung eines hierzulande so gut wie unbekannten Buchs: John Horne Burns reiht sich mit seinem Werk in die Riege von Joseph Heller und Norman Mailer ein. Sein (Anti)Kriegsroman erzählt von US-Amerikanern und Italienerinnen im Neapel unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs — und dem Ort, der sie alle verbindet: die Galleria Umberto.


Immer wieder kehren die Figuren, die John Horne Burns (1916-1953) nacheinander in sein erzählerisches Scheinwerferlicht rückt, in der Galleria Umberto in Neapel ein. Bei dieser Galerie handelt es sich um einen kathedralenähnlichen Bau im Herzen Neapels, der heute überwiegend als Shoppingcenter fungiert.
Mit einem höchst spektakulären Glasdach versehen zählt der Bau zum UNESCO-Weltkulturerbe und hat in Form dieses Romans aus dem Jahr 1947 auch ein literarisches Denkmal erhalten.

Und so ging ich immer wieder in die Galleria Umberto Primo, die Einkaufspassage im Zentrum der Stadt. Hier konnte man im August 1944 bereits sehen, dass die ganze moderne Welt in Trümmern lag.
Ich fühlte mich in der Galleria auf unbestimmte Weise aufgehoben, beinahe wie im Schoß meiner Mutter. Ich durchmaß das Kreuz, das sie bildete, in beide Richtungen, ich sag mich um, neugierig und staunend. Ich habe zusammengenommen bestimmt neun Monate meines Lebens in dieser Passage verbracht

John Horne Burns – Galleria Umberto, S. 438

Dieser diente, aus gutem Hause stammend, selbst einige Zeit als Soldat zunächst in Nordafrika, ehe er dann nach Neapel abgeordnet wurde. Diese Erfahrungen merkt man Galleria Umberto unmittelbar an. Denn nicht nur, dass dieser Roman eine Vielzahl von plastischen Figuren aufweist, denen Burns in leicht abgewandelter Form bei seinem Militärdienst begegnet sein dürfte, auch die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzten sogenannten Spaziergänge dürften stark von seinen Erfahrungen geprägt sein.

Zwischen Casablanca, Algier und Neapel

John Horne Burns - Galleria Umberto (Cover)

So sind hier Casablanca, Algier und Neapel Stationen der Zwischenspiele, die häufig aus der Sicht von Militärpersonal erzählt sind und die den Roman weiter aufladen mit einer Stimmung, die wenig heroisch oder glorifizierend ist, im Gegenteil.

Liest man Galleria Umberto, dann betrachtet man die Seiten des Kriegs und seiner Nachwehen, die in Geschichtsbüchern und in der Militärgeschichte keinen Platz finden. John Horne Burns erzählt in seinem Roman vom Leben an der Bruchlinie zwischen Siegern und Besiegten, bei der die Seiten oftmals fließend sind. So drehen sich seine Porträts um eine Nachclubbesitzerin, die eine Kaschemme dort in der Galleria Umberto betreibt, bei der Schwule ein und ausgehen und in der der Vermouth in Strömen fließt.

Er erzählt von einem jungen Mädchen namens Giulia, die im Offiziersclub für die US-amerikanischen Truppen zu arbeiten beginnt und dort mit einem Hauptmann anbandelt — wobei sich die Machtverhältnisse auf interessante Art und Weise immer verschieben.

Zwischen der einheimischen Bevölkerung und den US-amerikanischen Besatzern wechselt John Horne Burns hin und her, wobei ihm bei seinem Erzählen auch in Sachen Militär eine erstaunliche Breite an Personen und Geschichten gelingt.

So nimmt er zwei Militärgeistliche unterschiedlicher Konfession in den Blick, die auf der Suche nach einem Absacker in einen besonderen Nachtclub geraten. Die Arbeit der Zensur ist ebenfalls Thema, wenn John Horne Burns im Kapitel „Das Blatt“ die Arbeit des Zensors Major Motes und dessen Führungsstil beschreibt, ehe er in der letzten, eindrücklichen Passage von einem einfachen Soldaten namens Moe erzählt, in dessen Geschichte Burns noch einmal all die Elemente von italienisch-amerikanischen Verbindungen, dem dreckigen Gesicht des Kriegs und dem Sehnsuchtsort Galleria Umberto aufgreift.

Kein Platz für Heroismus

Es sind wenig heroische Szenen, die sich im Roman abspielen. Wir werden Zeugen von Kriegsverbrechen, wenn US-Amerikaner kurzerhand einen deutschen Kriegsgefangenen erschießen. Ein großes Kapitel widmet sich auch der massenhaften Behandlung von Syphiliserkrankungen, der sich dutzende Soldaten auf einer eigenen Station unterziehen müssen. Hier ist wenig Raum für Heroismus oder große Kriegsmomente. Es dominiert der Realismus und ein feines Sensorium für die Zwischentöne von Gut und Böse.

Das macht aus dem Buch einen Kriegsroman, indem er dessen Ablauf aus dem Innersten von Militär und Zivilbevölkerung im Kulminationspunkt Neapel heraus erzählt. Zugleich ist dieses Buch aber auch ein starker Antikriegsroman, indem er die Sinnlosigkeit des Mordens und die dünne Trennlinie zwischen den Fronten besieht und damit auch in der Tradition eines Catch 22 von Joseph Heller oder Remarques Im Westen nichts Neues steht, worauf der Übersetzer Gregor Hens in seinem Nachwort zu Galleria Umberto völlig zurecht hinweist.

Generell muss das Wirken von Übersetzer Gregor Hens im Zusammenhang mit diesem Buch besonders gewürdigt werden. Es ist kein kleiner Verdienst, dass er dieses Buch in einer Zeit aus der Vergessenheit holt, in sich die öffentliche Wahrnehmung zusehends auf die Förderung nach mehr Aufrüstung und einer Stärkung des Militärs verengt.

Seine facettenreichen Neuübersetzung macht die unterschiedlichen Ebenen des Romans erfahrbar und zeigt, welches Verlustgeschäft Krieg für alle Seiten ist. Zudem steuert er auch gleich noch ein Nachwort zu Werk und Wirken dieses unglücklichen Schriftstellers bei, dessen Debüt viel Lob erhielt, unter anderem von Ernest Hemingway und dessen Ex-Frau Martha Gellhorn, die konstatierte, John Horne Burns schreibe „wie ein Engel“.

Besonders interessant ist auch der Aspekt zur deutschen Geschichte von Galleria Umberto, das zwar schon 1951 in deutscher Übersetzung erschien, dass aber ebenso in Vergessenheit geriet wie ihr damaliger Übersetzer Günther Birkenfeld.

Fazit

Diese hochinformativen Anmerkungen zum Wirken und Schreiben des heute vergessenen John Horne Burns runden die Wiederentdeckung von Galleria Umberto vollends ab. So stellt diese Neuausgabe des Werks dem Kanon an Antikriegsromanen einen weiteren wichtigen Beitrag zur Seite, der durch den frischen Zugang, der hier geschaffen wurde, hoffentlich viele Lesende erreicht!


  • John Horne Burns – Galleria Umberto
  • Aus dem Englischen von Gregor Hens
  • ISBN 978-3-8477-0493-5 (Die Andere Bibliothek)
  • 492 Seiten. Preis: 48,00 €

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten

Es ist ein Titel, der auch abschrecken könnte. Aber statt einer historischen Saga über „starke Frauen“ und Kaffeeröstung liefert Nicola Denis mit ihrem Roman Wo die Kaffeekirschen leuchten das Porträt einer Auswanderehe mit zusätzlicher Reflexionsebene.


Es sind Orte mit viel Klang, die im ein oder anderen auch Fernweh auszulösen vermögen: Maracaibo, Santo Domingo, Barranquilla, das Hochland Kolumbiens. Sie alle finden Erwähnung im zweiten Roman der Übersetzerin und Autorin Nicola Denis, die sich darin mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, so zumindest lassen es das Nachwort von Wo die Kaffeekirschen leuchten wie auch einige biografische Wegmarken vermuten.

Schon einmal blickte sie auf ein familiäres Gefüge zur Wirtschaftswunderzeit, nämlich in ihrem literarischen Debüt Die Tanten. Nun, vier Jahre später, bleibt sie dieser Zeit treu. Sie erzählt vom jungen Ehepaar Hannelore Zimmerle und ihrem Mann, die den Start in ihre Ehe nicht im heimischen Ludwigshafen wagen wollen, sondern die es hinauszieht in die wirklich weite Welt.

Aus der Pfalz nach Kolumbien

Nicola Denis - Wo die Kaffeekirschen leuchten (Cover)

Die Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Jahr 1952 noch immer recht prekär, da verheißt Hannelores Mann eine Anstellung als Geologe an der Columbianischen Pädagogischen Akademie in Tunja in Kolumbien ein gesichertes Einkommen, noch dazu in einem exotischen Land. Die junge Frau lässt die Sicherheit der Heimat hinter sich, ein Studium mit dem Konzertfach Geige schließt sie nicht ab, sondern wagt mit ihrem Mann an der Seite den Aufbruch nach Kolumbien.

Diesem Abenteuer spürt siebzig Jahre später ihre Tochter nach, die sich mithilfe der fein säuberlich sortierten Leitzordner mit Luftpost aus der kolumbianischen Periode ihrer Eltern daran macht, diese Lebensphase ihrer damals noch kinderlosen Eltern zu rekonstruieren. Tief fühlt sie sich dabei in die Zeit und Erlebnisse ihrer Eltern ein, was insbesondere immer durch kursiv zitierte Passagen aus der Überseepost passiert, die immer wieder in den schön gesetzten Text einfließen.

Erst in jüngster Zeit fiel mir ein anderes Vermächtnis in die Hand, das schon seit einer Weile unbeachtet in einem Schrank mit Familiendokumenten lagerte: zwölf Pappschnellhefter von Leitz, in verblichenem Rot, Gelb, Blau und Grün, von meiner Großmutter mütterlicherseits mit Jahreszahlen beschriftet. Seite um Seite des dünnen Luftpostpapiers hatte sie säuberlich gelocht und abgeheftet. Zeitungsartikel, ausgeschnitten und Programmhefte dazwischengeschoben, als dächte sie schon an die künftige Leserin. Ob sie die Briefe ihrer Tochter selbst noch einmal überflog, zumindest beim Abheften? Und wann hatte sie all diese Seiten so umsichtig angeordnet; sobald sie eingetroffen, vorgelesen und herumgezeigt worden waren, oder doch erst später? Die Hefter reichen vom Aufbruch meiner Eltern nach Kolumbien bis lange nach meiner Geburt im Jahr 1972.

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten, S. 13 f.

Mit dem Blick von heute erkundet sie das Leben und die Prägung ihrer Eltern, bei der sogar im fernen Kolumbien die Nachwehen der Nazizeit im Denken und Handeln von einigen anderen Emigranten zu spüren waren. Migranten, die dem Weltbild der Nazis auch eine halbe Weltreise später noch nachhingen, KZ-Überlebende und mittendrin die Eltern der Erzählerin. Sie alle erstehen durch die Beschau der Post aus Übersee wieder vor unseren Augen auf.

Das Abenteuer Neuanfang

Das Abenteuer Neuanfang nach einer langen Überfahrt, rührige Akteure der deutschen Expat-Gemeinde wie ein Missionspriester, dazu das Schwanken zwischen dem Reiz des Unbekannten und der Sehnsucht nach der vertrauten Heimat, das alles arbeitet die Erzählerin und Familienforscherin in Wo die Kaffeekirschen leuchten fein heraus.

So geben die privaten Briefe reichlich Einblicke in Bräuche und den Versuch, sich etwas Normalität und Form auf über 2.800 Meter über Normalnull zu bewahren.

Die Feier von Weihnachten in Kolumbien mit Wiener Würstchen und Kartoffelsalat, die Anspannungen im Land, die nach der Ermordung des kolumbianischen Politikers Gaitan immer stärker zutage traten, die Exotik eines Landes, in dem nicht nur der Kaffee so anders riecht und schmeckt, als man es aus dem Pfälzischen kennt, das alles vermitteln die Briefe und Erlebnisse des jungen Ehepaars, die sich mit dem Blick von heute auf die eigenen Eltern und die damalige Zeit wirklich lesenswert überlagern und überschichten.

Einziger Schwachpunkt ist der Titel. Denn Nicola Denis‘ Roman ist deutlich vielschichtiger und reflektierter, als es der etwas pilchernde Titel vermuten lässt. Das ambivalente Verhältnis zu anderen Auswandern, die Nachwehen der Nazizeit im fernen Kolumbien und Themen wie Raubkunst und Rasseideologie lässt der Roman nicht aus, sondern spiegelt alle Themen durch die differenziert auf ihre Eltern blickende Erzählerin. Somit vermeidet der Roman alle Auswanderer-Rührseligkeit und die Verklärung jener Epoche an der Schwelle zur Wirtschaftswunderzeit und ergänz so unseren eurozentristischen Blick auf jene Zeit durch eine deutlich globalere Perspektive.


  • Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten
  • ISBN 978-3-7518-8048-0
  • 340 Seiten. Preis: 26,00 €

Robbie Arnott – Dusk

Das Hochland Tasmaniens ist eine Gegend, in die es die meisten von uns wahrscheinlich selten verschlagen dürfte. Robbie Arnott nimmt uns mit in seinem Roman Dusk mit dorthin und erzählt von der Jagd auf die gleichnamige Pumadame.


Floyd und Iris Renshaw sind als Kinder eines Outlaw-Paars gesellschaftliche Parias. Überall, wo sie hinkommen, hat man den Namen schon vernommen und meidet die beiden.

Ihre Namen lauteten Iris und Floyd Renshaw, und sie waren siebenunddreißig Jahre alt. Sie waren beide klein, aber nicht auffällig klein, und beiden hatten sie dickes, schwarzes Haar und grobe, gebräunte Gesichter, die Art von Haar und Gesichtern — steif, wettergegerbt, ausgedörrt —, die typisch sind für Menschen, die in Gegenden mit starken, salzigen Winden leben, obwohl kaum jemand wusste, woher sie kamen. Überhaupt wusste man wenig über sie, höchstens, was sie so machten, aber auch darüber herrschte Uneinigkeit. Je nachdem, wen man fragte, waren sie Tagelöhner, Jäger, Diebe oder Schlimmeres. Oder bloß Landstreicher. Immer waren sie irgendwo auf der Durchreise, und nie blieben sie irgendwo länger.

Robbie Arnott – Dusk, S. 11

Sie leben von der Hand in den Mund, ziehen mit ihren Zelten umher und machen halb Tasmanien unsicher. Als sie nun Kenntnis vom Treiben einer Pumadame namens Dusk erlangen, verheißt diese Nachricht einen Ausweg aus ihrem prekären Dasein.

Auf der Jagd nach Dusk

Robbie Arnott - Dusk (Cover)

Da der Puma nicht nur Tiere reißt, sondern auch schon Menschen auf dem Gewissen hat, haben die Züchter dort in den Highlands eine Prämie ausgelobt. Und da Floyd und Iris wenig zu verlieren haben, machen sie sich auf, um das Tier zu erlegen. Große Kenntnisse in der Jagd haben sie ebenso wenig wie durchschlagkräftige Waffen, dafür aber den Mut der Verzweiflung.

Und so durchstreifen die Geschwister die unwirtliche Landschaft der Lowlands und Highlands und kommen Dusk immer näher. Doch schnell zeigt sich bei ihrer Jagd, dass nicht nur Tiere dort in den Highlands ein gefährlicher Gegner sein können…

Robbie Arnotts zweiter, von Nikolaus Hansen ins Deutsche übertragene Streich ist eine archaische Geschichte, die die Jagd nach der Pumadame in den Mittelpunkt stellt, darüber hinaus aber auch von familiären Zusammenhalt, von Täuschung und Enttäuschungen erzählt.

In der wilden Natur Tasmaniens

Wieder einmal erweist sich der 1989 geborene Autor als ebenso versiert, was die Schilderung der wilden Natur Tasmaniens als auch die zwischenmenschlichen Aspekte seines Romans anbelangt. Brodelnde Flüsse wie auch geisterhaft emporstakende Gerippe gibt es bei ihm, die die Geschwister passieren. Das Stechen von Torf schildert Arnott ebenso plastisch, wie er die immer weiter intensivierende Spannung der Natur im Jagdgebiet von Dusk inszeniert.

Sie ritten nicht durch Regenwald, sondern hinein in dichtes Gehölz aus blassen, knorrigen Bäumen, ähnlich denen, die sie am Vortag lose verteilt auf MacLavertys Weiden gesehen hatten, nur, dass sie hier in Hainen und Wäldchen dicht gedrängt beieinander standen. Die größten trugen ähnliche staubig-blaue Blätterbüschel. Die Stämme der kleineren Exemplare waren von grünem und weinrotem und braunem Blattwerk umrahmt. Bei anderen sprossen trockene grüne Nadeln direkt aus Holzwucherungen, die ein fantasiebegabtes Auge als Fäuste hätte deuten können.
Alle Bäumen schienen uralt, kräftig, unvorstellbar ausgedörrt. Auch still, wären da nicht die Vogelschwärme in ihrem Geäst gewesen.

Robbie Arnott – Dusk, S. 64

Zudem überzeugt der Roman mit seiner Montage, die einen clever eingebauten erzählerischen Kniff im letzten Drittel auch buchgestalterisch gut einbindet. Das ist fantasievoll geschildert, besitzt ein gutes Timing und zieht beim Lesen immer weiter voran, bis hin zum offenen Ende,

Fazit

Action, Drama und Natur verbindet Arnott hier zu einem stimmigen Leseerlebnis, das mit den Geschwistern auf der Jagd nach der Pumadame durch die abgelegene Flora Tasmaniens streifen lässt. Erneut zeigt sich bei Dusk Arnotts Erzähltalent auf mitreißende Art und Weise und lässt hoffen, dass der tasmanische Autor auch künftig weiter seinen eigenen literarischen Weg sucht, auf dem man ihm sehr gerne folgen sollte!


  • Robbie Arnott – Dusk
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1529-7 (Berlin Verlag)
  • 283 Seiten. Preis: 24,00 €

Robert Seethaler – Die Straße

Pointillismus à la Seethaler. In seinem neuen Roman Die Straße betrachtet der österreichische Romancier Robert Seethaler das vielfältige Treiben an und auf jenem Ort, blickt in Häuser und die Seelen ihrer Bewohner. Dabei meint er es allerdings mit der Reduktion ein wenig zu gut.


Die Heidestraße ist eine Straße, wie es sie in Deutschland oder Österreich vielfach geben dürfte. Mietshäuser, ein Altenheim, Läden, eine Statue, die als einzige bauliche Sehenswürdigkeit oder zumindest als Besonderheit gezählt werden könnte, dazu eine rühriger Ortsvorstand, der jährlich ein Straßenfest organisiert.

So weit so normal. Robert Seethaler nimmt nun seine Heidestraße und blickt durch die Augen ihrer Anwohner auf das Treiben dort – und das über mehrere Jahre hinweg. Daraus entsteht ein Reigen, der vom Sterben, vom Tod, vom langsamen Abschied, aber auch vom Neuanfang erzählt.

Aus dem Innersten seiner Figuren blickt er auf das, was sie umtreibt, was sie sich wünschen und wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Da ist beispielsweise ein junger Mann, der einen Leerstand in der Heidestraße in ein Antiquariat umwidmen möchte und dabei feststellt, dass das Geschäft mit alten Büchern alles andere als rentabel ist.
Die Leiterin des Altenheims wacht streng über die Einhaltung der Regeln in ihrer Einrichtung, Geflüchtete werden von den ansässigen Anwohnern misstrauisch beäugt, es kommt zu einem Todesfall vor Ort, das Straßenfest eskaliert, darüber hinaus gibt es noch viele weitere Volten, die das Leben hier so schlägt.

Ein Chor der Stimmen

Das Besondere an Seethalers Roman ist nun die Erzählweise. Denn das gefällige Erzählen seines letzten Bestsellers Das Café ohne Namen hat Seethaler hinter sich gelassen und kehrt zu jenem Erzählen zurück, das er schon in Das Feld kultivierte. Statt einer durchgehenden Erzählinstanz gibt es hier nun wieder einen Chor der Stimmen, der durcheinander spricht, sich widerspricht und der dem Lesenden selbst die Aufgabe gibt, aus den kurzen Dialogen oder Gedanken, versetzt mit bürokratischen Schreiben, Hausordnungen und weiteren kleinen Einsprengseln.

Heiliger Jolander, bitt für mich, denn ich denke an Marija Malyntschyna. Wir wohnen Tür an Tür und ich frage mich, was sie macht, während ich in meinem Bett liege und der Stille lausche oder in meinem Zimmer herumlaufe wie ein gefangener Wolf. Seit sie bei uns eingezogen ist, sind meine Nächte voll Unruhe. Manchmal wache ich auf und glaube ihre Bettgeräusche zu hören, ich bilde mir sogar ein, die Wärme ihres Körpers zu fühlen, aber das ist natürlich Unsinn, die Wände sind dick und ich weiß ja nicht einmal, ob ihr Schlafzimmer an meines grenzt. Und doch… obwohl ich sie erst zweimal im Treppenhaus gesehen habe, glaube ich sie zu kennen. Nein, ich bin mir sicher! Ich kenne sie und weiß nichts von ihr und denke an sie, heute und morgen und an jedem anderen Tag…

Robert Seethaler – Die Straße, S. 41

Damals war es ein Friedhof, dessen Bewohner den erzählenden Chor bildeten, aus deren Stimmen sich die Leser*innen das Geschehen selbst ein Stück weit zusammenreimen mussten, nun ist es eben die Straße, die den erzählerischen Rahmen bildet. Die Idee der Straße als erzählerischem Mikrokosmos ist dabei allerdings nicht ganz neu.

Das Motiv der Straße als erzählerischer Dauerbrenner

Robert Seethaler - Die Straße (Cover)

Schon Autor*innen wie Ann Petry oder John Lanchester nutzten die Chancen, die bei solchem erzählerischen Setting ja wirklich auf der Straße liegen. Der Straße bildet einen Makrokosmos, innerhalb dessen man hervorragend von gesellschaftlichem Gefällen und den Sorgen und Nöten der einzelnen Anwohner erzählen kann, um diese Einzelstimmen dann zu einem Ganzen zu verdichten.

Auch Seethaler nutzt diese Chancen der Straße und rückt mit seinem Erzählen die Menschen in den Mittelpunkt, die sonst in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eher ausgespart werden. Rentner, Geflüchtete, Obdachlose, sie alle bekommen ihren Platz im Buch, was wirklich nicht nur im Sinne der Repräsentanz höchst lobenswert ist.

Leider vergisst es Seethaler dabei, seine Einzelstimmen zu einem Ganzen zu runden. Natürlich, es gibt einzelne Erzählelemente oder Motive, die immer wieder aufgegriffen werden. Dennoch übertreibt es Seethaler in meinen Augen hier mit seinem hingetupften Erzählstil. Mit diesem erzählerischen Pointillismus, losgelöst von jeder erklärenden äußeren Handlung ist es ein wenig wie mit dem Kinderspiel des Jenga-Towers.

Statt einen durchgängigen Text mit klarer Figurenführung vorzulegen, zieht Seethaler ein Stöckchen nach dem anderen aus seinem literarischen Turm. Leider wackelt dieser Turm ganz gehörig und kollabiert in sich, statt mit seiner luftigen Stabilität zu überzeugen.

Fazit

Im Falle von Die Straße wohnt man einem Beispiel für einen überschrittenen Kipppunkt in Sachen Reduktion bei. Was bleibt, ist ein Leseerlebnis des Lückhaften, das die Erschließung des Kontexts und der Hauptlinien seines Erzählens den Leser*innen selbst aufbürdet. Wenn man sich das antun mag, bekommt man es mit einem collagierten und vielstimmigen Erzählen zu tun, in dem man selber Ordnung schaffen kann, um so einen Durchblick zu bekommen. Man darf sich aber auch wünschen, dass Seethaler diese Reduktion nicht ganz so radikal vorangetrieben hätte…


  • Robert Seethaler – Die Straße
  • ISBN: 978-3-546-10033-5 (Claassen)
  • 229 Seiten. Preis: 25,00 €