Heike Geißler – Michaela Kohlhaas

Sagenfigur, lebend. In ihrem Roman Michaela Kohlhaas holt Heike Geißler den Mythos um den widerständigen Pferdehändler in die Jetztzeit und erzählt von einer Frau, die sich aus dem Trott des Alltags ausklinkt und inmitten der Metropole Leipzig den Aufstand probt. Mit ihrem Handeln stellt Michaela Kohlhaas die Systemfrage und wird zur Außenseiterin.


Zwei Rappen sind es, die in Heinrich von Kleists zum Klassiker gewordenen Novelle aus dem Jahr 1810 die Handlung in Gang setzen und schließlich zur Entleibung ihrer Titelfigur führen. Entwendet vom Junker Wenzel von Tronka will Kohlhaas um jeden Preis Gerechtigkeit für die entführten Pferde und vergisst dabei schon bald jegliche Verhältnismäßigkeit.

Ganz so radikal wie der Kleist’sche Kohlhaas in seinem Gerechtigkeitsfuror ist Heike Geißlers Michaela Kohlhaas da zunächst noch nicht. Unter den Augen einer Freundin, der Erzählerin des Buchs, praktiziert sie ein Quiet Quitting der etwas anderen Art. Ihren Job als Stellvertreterin des Friedhofchefs lässt sie ruhen und überträgt die Aufgaben wiederum ihrem Stellvertreter, um fortan auf festes Dach und alle Annehmlichkeiten einer bürgerlichen Existenz zu verzichten.

Was brauchte die beispielhafte Frau also für einen Anlass? Brauchte sie einen Anlass? Brauchte sie einen Motor, brauchte sie etwas, das ihr die Taschen füllte, bis sie platzen? Brauchte sie einen Sturm und das Regenwasser, das von den sanierten Dächern all der gut genährten ehemaligen Gutshäuser des Umlands abprallte, den weiten Weg in das Zentrum der Stadt überstand und auf dem Boden vor ihrem Bett landete? Die Anlässe waren ganz selbstverständlich da. Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun. Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 34 f.

Michaela Kohlhaas vs. Tronka

Heike Geißler - Michaela Kohlhaas (Cover)

Einen Impuls zu diesem widerständigen Leben, das sie fortan führen wird, gab ihr ebenfalls ein von Tronka. Geißlers Tronka ist allerdings Galerist, der die Gentrifizierung Leipzigs mit freundlicher Unterstützung des Bürgermeisters gezielt vorantreibt. Die Kohlhaas will da aber nicht mitmachen. Sie fordert vom Galeristen wie auch im Vorzimmer des Bürgermeisters Gerechtigkeit – denn sie ist mindestens in dem Umfang Besitzerin von Grund und Boden, wie es der Galerist auch ist. So zumindest ihre Auffassung, die sie inhaltlich wie optisch immer stärker zu einem Paria macht.

Zwar ohne Pferde, damit ausgestattet mit einem Planwagen vagabundiert sie durch Leipzig, verzichtet auf übermäßige Körperpflege und erinnert mit ihrem Auftreten an die Brecht’sche Mutter Courage (den Augsburger Dichter zitiert Geißler dann auch prompt auf den ersten Seiten, hier ist es allerdings das bekannte Moritat von Mackie Messer, das die Kohlhaas auf den Lippen trägt).

Ähnlich wie in Lukas Bärfuß‚ Text Hagard werden wir in der Folge Zeuge, wie sich eine Frau binnen kurzen von der Gesellschaft loslöst, die wiederum nicht ganz von ihr lassen kann. Denn das neue Kohlhaas’sche Leben ist für viele zu provokant, als dass man sie ihr Leben leben ließe.

So wird ihr als Bewohnerin einer Datsche der Strom von den Mitbürgern abgestellt, kurze Zeit landet Michaela Kohlhaas in einem Käfig oder wird zu einer Talkshow eingeladen. Man schwankt zwischen Ekel, Ablehnung und Faszination für die Frau, die mit einem Schwert bewehrt durch Leipzig und das Umland zieht. Und auch die Erzählerin kämpft mit ihren Sympathien und dem Unverständnis für die neue Michaela Kohlhaas, die Land und Menschen durcheinanderbringt.

Unbeirrbare Heldin, schwankender Erzählton

Da ist es nur konsequent, dass Heike Geißler ihr Erzählen ebenfalls schwanken lässt. Zwischen kurzen Kommentierungen ihrer Ich-Erzählerin und langen, personalen Passagen, die von Kohlhaas‘ Werden erzählen. Und einem Tonfall, der den Brückenschlag zwischen Kleist’schem Historismus und Gegenwart wagt. Lange Sätze, ein betulicher Duktus, manchmal geradezu altertümliches Erzählhandwerk – und dann wieder gebrochen mit den stilistischen Mitteln der Moderne.

Es wirkte manchmal so, als gehörte Michaela Kohlhaas auf eine spezifische Art zur Stadt. Man sprach über sie, man kannte sie, aber man beschäftigte sich nicht weiter mit ihr, es gab viele wie sie, so lautete die öffentliche Meinung, es gab viele grölende, stinkende Frauen mit zerschlissener Kleidung und kruden Ideen. Sie war nur die mit dem größten Gefährt.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 151

Damit bildet Heike Geißler im Tonfall ihres Erzählens das ab, was auch ihr Roman bebildert. Beispielhaft eine Szene, in der Michaela Kohlhaas mit ihrem Karren einen Defekt hat. Repariert wird das schadhafte Rad auf dem Leipziger Stadtfest stimmigerweise von einem Schmied, der in einer Art mittelalterlichem Re-Enactment am Lagertreiben im Herzen der Stadt beteiligt ist.
Während hier der historische Rahmen aufgebaut wird, bricht ihn Heike Geißler gleich wieder, als sie ihre Michaela Kohlhaas während der Reparatur aus dem Zelt des Schmieds hinaus zum Einkaufen schickt, namentlich in das dem Lager gegenüberliegenden Kaufhaus Sport Scheck, wo die Rebellin ein neues Paar Schuhe ersteht.

Gegenwart und Vergangenheit liegen bei diesem Erzählen nur eine Turnschuhbreite auseinander. Das macht den Reiz dieses Erzählens aus, das manchmal auch wirklich sperrig ist und mit seinem teilweise schon fantastisch wirkenden Setting zwischen Sozialkritik und Literaturgeschichte durchaus herausfordert.
An einigen Stellen wirkt es, als deute Heike Geißler mit ihrer Heldin das aus, was sie zuletzt in ihrem mit dem Bayerischen Buchpreis gekrönten Essay Verzweiflungen umkreiste – nur diesmal mit literarischen Mitteln in Romanform.

Fazit

Heike Geißler ist mit Michaela Kohlhaas ein Text gelungen, dessen Adaption man quasi schon vor sich auf den Theaterbühnen der Republik sehen kann. Viele Ansatzpunkte für unterschiedlichste Inszenierungen bieten sich an. Als kapitalismuskritisches Stück, als Kommentar auf Revoluzzer und Möchtegern-Revoluzzer wie Reichsbürger, die an der Systemfrage letztlich scheitern, oder als Zeitgeist-Analyse – Michaela Kohlhaas bietet viele Lesarten

Weniger aufständisch, dafür nicht minder beharrlich lässt sie ihre Heldin durch ein Land ziehen, das sie nicht mehr versteht und das auch sie nicht mehr versteht. In einem Ton, der sich auf Kleists Erzählen rückbesinnt, aber auch von kapitalismuskritischen Geist getragen ist, begleitet man diese Heldin, die zeigt, dass es nicht viel braucht, um als Revoluzzerin zu gelten und die soziale Norm zu sprengen.


  • Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
  • ISBN 978-3-518-43280-8 (Suhrkamp)
  • 253 Seiten. Preis: 24,00 €

Andrew O’Hagan – Maifliegen

Oh, bittersüße Nostalgie. In Maifliegen blickt der schottische Journalist und Autor Andrew O’Hagan zurück auf eine Jugend in Schottland und fragt sich, was von jener Zeit bleibt…


Morrissey und seine The Smiths, Orchestral Manoeuvres in the Dark oder die Specials : es ist eine ganze Playlist des Britpops und -rocks der 80er Jahre, die einem wieder im Ohr klingt, wenn man sich an die Lektüre von Andrew O’Hagans Roman Maifliegen macht (Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).

Ein Wochenende in Manchester

Andrew O'Hagan - Maifliegen (Cover)

Ausgangspunkt des Ganzen sind die Erinnerungen von James, der sich noch einmal seine Jugendzeit vor Augen führt. Aufgewachsen in einer schottischen Kleinstadt verband ihn schon immer eine Freundschaft mit Tully Dawson, die zusammen einige Freunde um sich scharten, mit denen sie ihre Liebe zum Fußball und zur Musik teilten.

Prägend und zentraler Teil dieser Jugenderinnerungen war eine Reise, die die Tully und Dawson zusammen mit einem Freund nach Manchester unternahmen. Für ein Wochenende wollten sie die Stadt unsicher machen, junge Frauen kennenlernen, trinken, feiern und viel Musik hören. In Kaschemmen, Musikclubs und Plattenläden erlebten die Teenager eine Art Initiation fürs Erwachsenenleben, ehe sie der Alltag in Schottland wieder einholen sollte.

Bis hierhin lässt sich Andrew O’Hagan Roman wie ein rückblickender, nostalgiegeschwängerter Jugendromans an, den auch Benedict Wells oder Joey Goebel in leicht abgewandelter Form hätten schreiben können. Was Maifliegen aber über diese Beschau einer britischen beziehungsweise schottischen Jugend hinaushebt, ist der Cut in der Mitte des Buchs.

Dreißig Jahre später

Denn Andrew O’Hagan bricht diese Feier von Musik und Freiheitsdrang ab, um den zweiten Teil des Romans dreißig Jahre später anzusetzen. Im Jahr 2017 lernen wir den Ich-Erzähler James als Erwachsenen kennen, dem nicht viel von seiner rebellischen Adoleszenz geblieben ist. Eines Abends bekommt er eine Nachricht von Tully, den ihn aus seiner mittlerweile so eingeübten Routine reißt.

In der U-Bahn waren die Scheiben beschlagen. Ich saß in einem leeren Abteil, und vor meinem inneren Auge erschien die rote Leuchtreklame des Hotels Britannia, damals, vor vielen Jahren, zusammen mit Tully. Zuhause legte ich die Krawatte ab und goss mir einen Whisky ein. Tully arbeitete inzwischen als Lehrer. Fachleiter für Englisch. Vor vielen langen Wintern hatte er die Abendschule besucht, ganz wie beschlossen. Und jetzt unterrichtete er im East End von Glasgow, und die Schüler liebten ihn. Ich hatte eine Weile nichts von ihm gehört, und seine Nachricht beunruhigte mich. Ich versuchte, mir einen Fluss in den Highlands vorzustellen oder ein loderndes Torffeuer, als das Display aufleuchtete. „Tullygarwan, Townland von Ulster“, sagte ich. „Was liegt an?“
„Ach, Noodles.“
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
„Lass dir Zeit.“
„Ich bin am Marsch, Mann, total im Arsch. Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen.“

Andrew O’Hagan – Maifliegen, S. 168

Die Nachricht, die Tully seinem Jugendfreund dann übermittelt, zieht James dann wirklich den Boden unter den Füßen weg. Aber nachdem die beiden ja schon in Jugendzeiten unter Beweis gestellt haben, dass ihre Freundschaft tragfähig ist, will James auch Tullys letzten Wünsche noch übermitteln und beginnt so, für seinen Freund entscheidende Dinge in die Wege zu leiten.

Was bedeutet Freundschaft?

Maifliegen ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben, das viel zu schnell wieder vorbei ist. Mit der zweiten Hälfte des Romans verschafft Andrew O’Hagan dem Text eine Tiefe, die der erste Teil für sich alleine nicht einlösen kann. Denn dann gesellt sich zur Nostalgie auch die Frage von dem, was von uns und unseren Bindungen bleibt, was dem Text eine ganz eigene Dramatik verleiht.

Dieser Roman ist indes bereits der zweite Auftritt von Andrew O’Hagan auf dem deutschen Literaturmarkt. Vor zwei Jahren gelang ihm und dem herausgebenden Ullstein-Verlag mit Caledonian Road ein wirklich großer Gesellschaftsroman der britischen Gegenwart, der sämtliche sozialen Schichten ausleuchtete und mit dem im Mittelpunkt stehenden – oder besser taumelnden — Intellektuellen Campbell Flynn auch sein humoristisches Potenzial entfaltete.

Ganz neu ist Maifliegen nun aber nicht, vielmehr erschien das Werk als Mayflies im Original bereits im Jahr 2020 und liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Den gesellschaftlichen Anspruch von Caledonian Road hat dieses Buch nicht und will ihn auch gar nicht haben. Vielmehr ist O’Hagans Buch der konzentrierte Blick auf eine Freundschaft zwischen Jugend und Alter und die Frage, was Freundschaft trägt und was sie bestenfalls aushalten kann.

Das macht aus dem Buch eine kleine Preziose, der hoffentlich auch etwas der Aufmerksamkeit vergönnt ist, die Andrew O’Hagans Caledonian Road bereits beschieden war.


  • Andrew O’Hagan – Maifliegen
  • Aus dem Englischen Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
  • ISBN 978-3-550-20447-0 (Ullstein)
  • 334 Seiten. Preis: 24,00 €

John Horne Burns – Galleria Umberto

Die Wiederentdeckung eines hierzulande so gut wie unbekannten Buchs: John Horne Burns reiht sich mit seinem Werk in die Riege von Joseph Heller und Norman Mailer ein. Sein (Anti)Kriegsroman erzählt von US-Amerikanern und Italienerinnen im Neapel unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs — und dem Ort, der sie alle verbindet: die Galleria Umberto.


Immer wieder kehren die Figuren, die John Horne Burns (1916-1953) nacheinander in sein erzählerisches Scheinwerferlicht rückt, in der Galleria Umberto in Neapel ein. Bei dieser Galerie handelt es sich um einen kathedralenähnlichen Bau im Herzen Neapels, der heute überwiegend als Shoppingcenter fungiert.
Mit einem höchst spektakulären Glasdach versehen zählt der Bau zum UNESCO-Weltkulturerbe und hat in Form dieses Romans aus dem Jahr 1947 auch ein literarisches Denkmal erhalten.

Und so ging ich immer wieder in die Galleria Umberto Primo, die Einkaufspassage im Zentrum der Stadt. Hier konnte man im August 1944 bereits sehen, dass die ganze moderne Welt in Trümmern lag.
Ich fühlte mich in der Galleria auf unbestimmte Weise aufgehoben, beinahe wie im Schoß meiner Mutter. Ich durchmaß das Kreuz, das sie bildete, in beide Richtungen, ich sag mich um, neugierig und staunend. Ich habe zusammengenommen bestimmt neun Monate meines Lebens in dieser Passage verbracht

John Horne Burns – Galleria Umberto, S. 438

Dieser diente, aus gutem Hause stammend, selbst einige Zeit als Soldat zunächst in Nordafrika, ehe er dann nach Neapel abgeordnet wurde. Diese Erfahrungen merkt man Galleria Umberto unmittelbar an. Denn nicht nur, dass dieser Roman eine Vielzahl von plastischen Figuren aufweist, denen Burns in leicht abgewandelter Form bei seinem Militärdienst begegnet sein dürfte, auch die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzten sogenannten Spaziergänge dürften stark von seinen Erfahrungen geprägt sein.

Zwischen Casablanca, Algier und Neapel

John Horne Burns - Galleria Umberto (Cover)

So sind hier Casablanca, Algier und Neapel Stationen der Zwischenspiele, die häufig aus der Sicht von Militärpersonal erzählt sind und die den Roman weiter aufladen mit einer Stimmung, die wenig heroisch oder glorifizierend ist, im Gegenteil.

Liest man Galleria Umberto, dann betrachtet man die Seiten des Kriegs und seiner Nachwehen, die in Geschichtsbüchern und in der Militärgeschichte keinen Platz finden. John Horne Burns erzählt in seinem Roman vom Leben an der Bruchlinie zwischen Siegern und Besiegten, bei der die Seiten oftmals fließend sind. So drehen sich seine Porträts um eine Nachclubbesitzerin, die eine Kaschemme dort in der Galleria Umberto betreibt, bei der Schwule ein und ausgehen und in der der Vermouth in Strömen fließt.

Er erzählt von einem jungen Mädchen namens Giulia, die im Offiziersclub für die US-amerikanischen Truppen zu arbeiten beginnt und dort mit einem Hauptmann anbandelt — wobei sich die Machtverhältnisse auf interessante Art und Weise immer verschieben.

Zwischen der einheimischen Bevölkerung und den US-amerikanischen Besatzern wechselt John Horne Burns hin und her, wobei ihm bei seinem Erzählen auch in Sachen Militär eine erstaunliche Breite an Personen und Geschichten gelingt.

So nimmt er zwei Militärgeistliche unterschiedlicher Konfession in den Blick, die auf der Suche nach einem Absacker in einen besonderen Nachtclub geraten. Die Arbeit der Zensur ist ebenfalls Thema, wenn John Horne Burns im Kapitel „Das Blatt“ die Arbeit des Zensors Major Motes und dessen Führungsstil beschreibt, ehe er in der letzten, eindrücklichen Passage von einem einfachen Soldaten namens Moe erzählt, in dessen Geschichte Burns noch einmal all die Elemente von italienisch-amerikanischen Verbindungen, dem dreckigen Gesicht des Kriegs und dem Sehnsuchtsort Galleria Umberto aufgreift.

Kein Platz für Heroismus

Es sind wenig heroische Szenen, die sich im Roman abspielen. Wir werden Zeugen von Kriegsverbrechen, wenn US-Amerikaner kurzerhand einen deutschen Kriegsgefangenen erschießen. Ein großes Kapitel widmet sich auch der massenhaften Behandlung von Syphiliserkrankungen, der sich dutzende Soldaten auf einer eigenen Station unterziehen müssen. Hier ist wenig Raum für Heroismus oder große Kriegsmomente. Es dominiert der Realismus und ein feines Sensorium für die Zwischentöne von Gut und Böse.

Das macht aus dem Buch einen Kriegsroman, indem er dessen Ablauf aus dem Innersten von Militär und Zivilbevölkerung im Kulminationspunkt Neapel heraus erzählt. Zugleich ist dieses Buch aber auch ein starker Antikriegsroman, indem er die Sinnlosigkeit des Mordens und die dünne Trennlinie zwischen den Fronten besieht und damit auch in der Tradition eines Catch 22 von Joseph Heller oder Remarques Im Westen nichts Neues steht, worauf der Übersetzer Gregor Hens in seinem Nachwort zu Galleria Umberto völlig zurecht hinweist.

Generell muss das Wirken von Übersetzer Gregor Hens im Zusammenhang mit diesem Buch besonders gewürdigt werden. Es ist kein kleiner Verdienst, dass er dieses Buch in einer Zeit aus der Vergessenheit holt, in sich die öffentliche Wahrnehmung zusehends auf die Förderung nach mehr Aufrüstung und einer Stärkung des Militärs verengt.

Seine facettenreichen Neuübersetzung macht die unterschiedlichen Ebenen des Romans erfahrbar und zeigt, welches Verlustgeschäft Krieg für alle Seiten ist. Zudem steuert er auch gleich noch ein Nachwort zu Werk und Wirken dieses unglücklichen Schriftstellers bei, dessen Debüt viel Lob erhielt, unter anderem von Ernest Hemingway und dessen Ex-Frau Martha Gellhorn, die konstatierte, John Horne Burns schreibe „wie ein Engel“.

Besonders interessant ist auch der Aspekt zur deutschen Geschichte von Galleria Umberto, das zwar schon 1951 in deutscher Übersetzung erschien, dass aber ebenso in Vergessenheit geriet wie ihr damaliger Übersetzer Günther Birkenfeld.

Fazit

Diese hochinformativen Anmerkungen zum Wirken und Schreiben des heute vergessenen John Horne Burns runden die Wiederentdeckung von Galleria Umberto vollends ab. So stellt diese Neuausgabe des Werks dem Kanon an Antikriegsromanen einen weiteren wichtigen Beitrag zur Seite, der durch den frischen Zugang, der hier geschaffen wurde, hoffentlich viele Lesende erreicht!


  • John Horne Burns – Galleria Umberto
  • Aus dem Englischen von Gregor Hens
  • ISBN 978-3-8477-0493-5 (Die Andere Bibliothek)
  • 492 Seiten. Preis: 48,00 €

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten

Es ist ein Titel, der auch abschrecken könnte. Aber statt einer historischen Saga über „starke Frauen“ und Kaffeeröstung liefert Nicola Denis mit ihrem Roman Wo die Kaffeekirschen leuchten das Porträt einer Auswanderehe mit zusätzlicher Reflexionsebene.


Es sind Orte mit viel Klang, die im ein oder anderen auch Fernweh auszulösen vermögen: Maracaibo, Santo Domingo, Barranquilla, das Hochland Kolumbiens. Sie alle finden Erwähnung im zweiten Roman der Übersetzerin und Autorin Nicola Denis, die sich darin mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, so zumindest lassen es das Nachwort von Wo die Kaffeekirschen leuchten wie auch einige biografische Wegmarken vermuten.

Schon einmal blickte sie auf ein familiäres Gefüge zur Wirtschaftswunderzeit, nämlich in ihrem literarischen Debüt Die Tanten. Nun, vier Jahre später, bleibt sie dieser Zeit treu. Sie erzählt vom jungen Ehepaar Hannelore Zimmerle und ihrem Mann, die den Start in ihre Ehe nicht im heimischen Ludwigshafen wagen wollen, sondern die es hinauszieht in die wirklich weite Welt.

Aus der Pfalz nach Kolumbien

Nicola Denis - Wo die Kaffeekirschen leuchten (Cover)

Die Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Jahr 1952 noch immer recht prekär, da verheißt Hannelores Mann eine Anstellung als Geologe an der Columbianischen Pädagogischen Akademie in Tunja in Kolumbien ein gesichertes Einkommen, noch dazu in einem exotischen Land. Die junge Frau lässt die Sicherheit der Heimat hinter sich, ein Studium mit dem Konzertfach Geige schließt sie nicht ab, sondern wagt mit ihrem Mann an der Seite den Aufbruch nach Kolumbien.

Diesem Abenteuer spürt siebzig Jahre später ihre Tochter nach, die sich mithilfe der fein säuberlich sortierten Leitzordner mit Luftpost aus der kolumbianischen Periode ihrer Eltern daran macht, diese Lebensphase ihrer damals noch kinderlosen Eltern zu rekonstruieren. Tief fühlt sie sich dabei in die Zeit und Erlebnisse ihrer Eltern ein, was insbesondere immer durch kursiv zitierte Passagen aus der Überseepost passiert, die immer wieder in den schön gesetzten Text einfließen.

Erst in jüngster Zeit fiel mir ein anderes Vermächtnis in die Hand, das schon seit einer Weile unbeachtet in einem Schrank mit Familiendokumenten lagerte: zwölf Pappschnellhefter von Leitz, in verblichenem Rot, Gelb, Blau und Grün, von meiner Großmutter mütterlicherseits mit Jahreszahlen beschriftet. Seite um Seite des dünnen Luftpostpapiers hatte sie säuberlich gelocht und abgeheftet. Zeitungsartikel, ausgeschnitten und Programmhefte dazwischengeschoben, als dächte sie schon an die künftige Leserin. Ob sie die Briefe ihrer Tochter selbst noch einmal überflog, zumindest beim Abheften? Und wann hatte sie all diese Seiten so umsichtig angeordnet; sobald sie eingetroffen, vorgelesen und herumgezeigt worden waren, oder doch erst später? Die Hefter reichen vom Aufbruch meiner Eltern nach Kolumbien bis lange nach meiner Geburt im Jahr 1972.

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten, S. 13 f.

Mit dem Blick von heute erkundet sie das Leben und die Prägung ihrer Eltern, bei der sogar im fernen Kolumbien die Nachwehen der Nazizeit im Denken und Handeln von einigen anderen Emigranten zu spüren waren. Migranten, die dem Weltbild der Nazis auch eine halbe Weltreise später noch nachhingen, KZ-Überlebende und mittendrin die Eltern der Erzählerin. Sie alle erstehen durch die Beschau der Post aus Übersee wieder vor unseren Augen auf.

Das Abenteuer Neuanfang

Das Abenteuer Neuanfang nach einer langen Überfahrt, rührige Akteure der deutschen Expat-Gemeinde wie ein Missionspriester, dazu das Schwanken zwischen dem Reiz des Unbekannten und der Sehnsucht nach der vertrauten Heimat, das alles arbeitet die Erzählerin und Familienforscherin in Wo die Kaffeekirschen leuchten fein heraus.

So geben die privaten Briefe reichlich Einblicke in Bräuche und den Versuch, sich etwas Normalität und Form auf über 2.800 Meter über Normalnull zu bewahren.

Die Feier von Weihnachten in Kolumbien mit Wiener Würstchen und Kartoffelsalat, die Anspannungen im Land, die nach der Ermordung des kolumbianischen Politikers Gaitan immer stärker zutage traten, die Exotik eines Landes, in dem nicht nur der Kaffee so anders riecht und schmeckt, als man es aus dem Pfälzischen kennt, das alles vermitteln die Briefe und Erlebnisse des jungen Ehepaars, die sich mit dem Blick von heute auf die eigenen Eltern und die damalige Zeit wirklich lesenswert überlagern und überschichten.

Einziger Schwachpunkt ist der Titel. Denn Nicola Denis‘ Roman ist deutlich vielschichtiger und reflektierter, als es der etwas pilchernde Titel vermuten lässt. Das ambivalente Verhältnis zu anderen Auswandern, die Nachwehen der Nazizeit im fernen Kolumbien und Themen wie Raubkunst und Rasseideologie lässt der Roman nicht aus, sondern spiegelt alle Themen durch die differenziert auf ihre Eltern blickende Erzählerin. Somit vermeidet der Roman alle Auswanderer-Rührseligkeit und die Verklärung jener Epoche an der Schwelle zur Wirtschaftswunderzeit und ergänz so unseren eurozentristischen Blick auf jene Zeit durch eine deutlich globalere Perspektive.


  • Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten
  • ISBN 978-3-7518-8048-0
  • 340 Seiten. Preis: 26,00 €

Robbie Arnott – Dusk

Das Hochland Tasmaniens ist eine Gegend, in die es die meisten von uns wahrscheinlich selten verschlagen dürfte. Robbie Arnott nimmt uns mit in seinem Roman Dusk mit dorthin und erzählt von der Jagd auf die gleichnamige Pumadame.


Floyd und Iris Renshaw sind als Kinder eines Outlaw-Paars gesellschaftliche Parias. Überall, wo sie hinkommen, hat man den Namen schon vernommen und meidet die beiden.

Ihre Namen lauteten Iris und Floyd Renshaw, und sie waren siebenunddreißig Jahre alt. Sie waren beide klein, aber nicht auffällig klein, und beiden hatten sie dickes, schwarzes Haar und grobe, gebräunte Gesichter, die Art von Haar und Gesichtern — steif, wettergegerbt, ausgedörrt —, die typisch sind für Menschen, die in Gegenden mit starken, salzigen Winden leben, obwohl kaum jemand wusste, woher sie kamen. Überhaupt wusste man wenig über sie, höchstens, was sie so machten, aber auch darüber herrschte Uneinigkeit. Je nachdem, wen man fragte, waren sie Tagelöhner, Jäger, Diebe oder Schlimmeres. Oder bloß Landstreicher. Immer waren sie irgendwo auf der Durchreise, und nie blieben sie irgendwo länger.

Robbie Arnott – Dusk, S. 11

Sie leben von der Hand in den Mund, ziehen mit ihren Zelten umher und machen halb Tasmanien unsicher. Als sie nun Kenntnis vom Treiben einer Pumadame namens Dusk erlangen, verheißt diese Nachricht einen Ausweg aus ihrem prekären Dasein.

Auf der Jagd nach Dusk

Robbie Arnott - Dusk (Cover)

Da der Puma nicht nur Tiere reißt, sondern auch schon Menschen auf dem Gewissen hat, haben die Züchter dort in den Highlands eine Prämie ausgelobt. Und da Floyd und Iris wenig zu verlieren haben, machen sie sich auf, um das Tier zu erlegen. Große Kenntnisse in der Jagd haben sie ebenso wenig wie durchschlagkräftige Waffen, dafür aber den Mut der Verzweiflung.

Und so durchstreifen die Geschwister die unwirtliche Landschaft der Lowlands und Highlands und kommen Dusk immer näher. Doch schnell zeigt sich bei ihrer Jagd, dass nicht nur Tiere dort in den Highlands ein gefährlicher Gegner sein können…

Robbie Arnotts zweiter, von Nikolaus Hansen ins Deutsche übertragene Streich ist eine archaische Geschichte, die die Jagd nach der Pumadame in den Mittelpunkt stellt, darüber hinaus aber auch von familiären Zusammenhalt, von Täuschung und Enttäuschungen erzählt.

In der wilden Natur Tasmaniens

Wieder einmal erweist sich der 1989 geborene Autor als ebenso versiert, was die Schilderung der wilden Natur Tasmaniens als auch die zwischenmenschlichen Aspekte seines Romans anbelangt. Brodelnde Flüsse wie auch geisterhaft emporstakende Gerippe gibt es bei ihm, die die Geschwister passieren. Das Stechen von Torf schildert Arnott ebenso plastisch, wie er die immer weiter intensivierende Spannung der Natur im Jagdgebiet von Dusk inszeniert.

Sie ritten nicht durch Regenwald, sondern hinein in dichtes Gehölz aus blassen, knorrigen Bäumen, ähnlich denen, die sie am Vortag lose verteilt auf MacLavertys Weiden gesehen hatten, nur, dass sie hier in Hainen und Wäldchen dicht gedrängt beieinander standen. Die größten trugen ähnliche staubig-blaue Blätterbüschel. Die Stämme der kleineren Exemplare waren von grünem und weinrotem und braunem Blattwerk umrahmt. Bei anderen sprossen trockene grüne Nadeln direkt aus Holzwucherungen, die ein fantasiebegabtes Auge als Fäuste hätte deuten können.
Alle Bäumen schienen uralt, kräftig, unvorstellbar ausgedörrt. Auch still, wären da nicht die Vogelschwärme in ihrem Geäst gewesen.

Robbie Arnott – Dusk, S. 64

Zudem überzeugt der Roman mit seiner Montage, die einen clever eingebauten erzählerischen Kniff im letzten Drittel auch buchgestalterisch gut einbindet. Das ist fantasievoll geschildert, besitzt ein gutes Timing und zieht beim Lesen immer weiter voran, bis hin zum offenen Ende,

Fazit

Action, Drama und Natur verbindet Arnott hier zu einem stimmigen Leseerlebnis, das mit den Geschwistern auf der Jagd nach der Pumadame durch die abgelegene Flora Tasmaniens streifen lässt. Erneut zeigt sich bei Dusk Arnotts Erzähltalent auf mitreißende Art und Weise und lässt hoffen, dass der tasmanische Autor auch künftig weiter seinen eigenen literarischen Weg sucht, auf dem man ihm sehr gerne folgen sollte!


  • Robbie Arnott – Dusk
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1529-7 (Berlin Verlag)
  • 283 Seiten. Preis: 24,00 €