Der Roman als Jurte. In ihrem Debütroman Ein Königreich für eine Schnecke nimmt uns die die in Kanada lebende Autorin Maria Reva mit in ihre Geburtstland, die Ukraine. Sie erzählt von linksgewundenen Schnecken, entführten Junggesellen und einem Land im Krieg. Leider meint sie es dabei mit postmodernen Spielereien etwas zu gut…
Nach hundertdreiundneunzig Seiten ist Maria Revas Buch eigentlich am Ende angelangt, das macht zumindest das schriftgewordene ENDE denken, das den Text auch optisch beschließt. Eine Danksagung für Inspirationsquellen, unter anderem Lisa Hallidays Roman Asymmetrie und Deb Olin Unferth und ihr Roman Happy Green Family schließen sich an, nach biografischen Informationen und Anmerkungen zur verwendeten Schriftart ist Schluss mit dem Buch.
Doch da gibt es nur einen kleinen Haken. Auch wenn alles nach Ende aussieht, so weist Maria Revas Roman doch eigentlich noch weitere 275 Seiten auf, die dem Ende noch folgen sollen. Und auch der Text hat bis zu seinem vorläufigen Ende einige seltsame Wandlungen durchgemacht. Denn Revas Buch hört plötzlich nicht mehr auf den Titel Ein Königreich für eine Schnecke, sondern trägt den Titel Eine glückliche Familie ist nur ein vorgezogener Himmel, wofür sich die Autorin dann auch in der vorgezogenen Danksagung bei einigen Personen erkenntlich zeigt.
Wie das kam, dass das Buch plötzlich einen anderen Titel trägt, ist genauso wie das mitten ins Buch hineingepflanze Ende eine der vielen postmodernen Spielereien, mit denen Reva ihren Text auflädt. Denn ändernde Titel, Zwiegespräche mit einem Jurtenbesitzer, ein aus der Perspektive einer Schnecke geschildertes Kapitel oder die aus dem Text heraustretende Autorin sind nur einige Elemente in diesem Roman, der obgleich inhaltlich recht exzentrisch, zumindest auf der Erzählebene recht konventionell beginnt.
Drei Frauen, ein Bus und dreizehn Junggesellen
Zunächst stehen zwei Frauen im Mittelpunkt des Romans. Jewa ist ein junge Frau, die sich dem Erhalt von Schnecken verschrieben hat. Einen Kleinbus hat sie zum mobilen Labor umgebaut, mit dem sie die ganze Ukraine bereist, um seltene Schnecken zu finden und diese mithilfe ihres rollenden Labors vor dem Aussterben zu bewahren. Das Geld für diese Missionen verdient sie bei sogenannten Liebestouren.
Diese Liebestouren werden von einer Agentur durchgeführt, bei der Junggesellen aus dem Ausland auf organisierten Touren in Kontakt mit ukrainischen Frauen gebracht werden, auf dass sie dort unter Zuhilfenahme von Dolmetscherinnen die Liebe ihres Lebens finden.
Auf die Liebe kann Jewa zwar verzichten, nicht aber auf das Geld, das ihr diese Liebestouren bescheren. Und noch eine zweite wichtige Begegnung beschert ihr die Liebestour, nämlich die Bekanntschaft mit den Schwestern Nastja und Sol.
Diese sind eigentlich auf der Suche nach ihrer Mutter, einer bekannten ukrainischen Aktivisten im Stile von Pussy Riot oder Femen. Sie ist verschwunden, weswegen die Schwestern einen waghalsigen Plan entwickelt haben.
Mithilfe von Jewa und ihrem mobilen Labor wollen sie Junggesellen entführen, um mit der spektakulären Aktion ihre Mutter auf sich aufmerksam zu machen oder wenigstens ihre Fährte aufzunehmen.
Doch aus den anvisierten hundert gekidnappten Junggesellen wird nicht nur eingedenk des mangelnden Platzes in Jewas Bus nichts, dreizehn Teilnehmer des Liebestouren können die drei Frauen dann aber doch in ihren Bus locken.
Die letzten Schnecken ihrer Art
Vollends wild wird diese Geschichte, als nun ein Bekannter Jewa auf die Existenz einer weiblichen Schnecke hinweist, die zur letzten noch lebenden Schnecke in Jewas Besitz, ein sogenannter Endling, passen könnte. Die außergewöhnliche linksgewundene Schneckenform macht die Tiere dergestalt außergewöhnlich, dass Jewa kurzentschlossen mit den Schwestern und den Entführten an jenen Ort aufbricht, an dem der Bekannte die Schnecke gesichtet hat.
Es ist ausgerechnet Cherson im Süden der Ukraine, die jede Minute im Begriff steht, in die Hände der heranrückenden russischen Truppen zu fallen. Doch davon lässt sich Jewa nicht aufhalten, schließlich geht es um das potentielle Überleben einer Schneckenart…
Ist der Plot von Ein Königreich für eine Schnecke mit seiner Engführung von Endzeit für die seltene Schneckenart und die Endzeit für die Ukraine schon extravagant genug, wird es durch den Entführungsplot noch einmal gesteigert. Doch es scheint, als hätte Maria Reva ein wenig der Mut verlassen, nur auf diese besondere Konstruktion zu vertrauen, weil sie diese Erzählung dann kurz vor Ende des ersten Buchs selbst implodieren lässt. Sie hinterfragt selbstkritisch die Tragfähigkeit ihrer Erzählanlage und biegt in einem zweiten Teil in eine völlig andere Richtung ab, als sie ihre Rolle als Schriftstellerin im Ausland reflektiert, die auf die Geschehnisse in ihrem Geburtstland schaut und hierzu einen Essay verfassen will, dessen Einreichung dem herausgebenden Magazin nicht ins Konzept passt.
Plötzlich will sie eine alternative Geschichte zu ihrer eigentlichen Erzählung um Jewa, die Schnecken, die zwei Schwestern und zehn Junggesellen schreiben, ehe dann ein Interview wieder die vierte Wand durchbricht und sich dem etwas rappeligen Ende des Buchs im zweiten Teil dann ein Dialog mit einem Jurtenmacher anschließt.
Das sind alles nette Spielereien, die den Fluss ihres Buchs unterbrechen, Ein Königreich für eine Schnecke in meinen Augen aber auch unnötig schwächen.
Zu viele Spielereien und erzählerisches Brimborium
Denn die ungewöhnliche Annäherung über die Schnecken und entführten Junggesellen ist eigentlich dazu angetan, einen interessanten Zugang zur Erzählung einer überfallenen Ukraine zu leisten, den man so noch nicht gelesen hat und der die Schrecken, das Groteske und die Falschheit dort vor Ort eindrücklich miterleben lässt (wodurch Ein Königreich für eine Schnecke auch an die jüngsten Erzählungen Serhij Zhadans und seinen großen Wurf Internat erinnert).
Alles weitere erzählerische Brimborium stört da eigentlich nur, auch wenn man argumentieren könnte, dass die konsequente Brechung des Erzählflusses auf stilistischer Ebene den Krieg nachbildet, der alle Normalität und Ordnung zerstört.
Und doch nimmt er in diesem Falle überwiegend nur den Fokus von der Wucht ihrer Geschichte weg, die gerade durch die Absurdität des Ganzen so gut geeignet ist, dem Wahnsinn der realen Welt erzählerisch zu trotzen. Hätte sich Reva mehr auf den Kern ihrer Geschichte verlassen, wäre Ein Königreich für eine Schnecke vielleicht noch ein besseres Buch geworden.
Eine weitere Perspektive auf Maria Revas Debüt gibt es in der Kulturzeit von 3sat, dort schildert die Literaturkritikerin Miriam Zeh ihre Perspektive auf den Roman.
- Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke
- Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
- ISBN 978-3-423-28548-3 (dtv)
- 479 Seiten. Preis: 26,00 €




